Zschäpe zwischen Böll und Bieber

Das Oberlandesgericht München (OLG) hat es verbockt. Das Losverfahren für die Presseplätze im Prozess gegen Beate Zschäpe ist zwar das geringere Übel – trägt aber immer noch reichlich absurde Züge. Einerseits. Andererseits wirft es ein erhellendes Licht auf den Wandel in der Medienbranche.

Radio Charivari bewirbt auf seiner Startseite – ganz oben – ein heißes Event, so heiß, dass alle dem Anpfiff mit hohem Fieber entgegen sehnen. Die Rede ist von dem  B2Soccer-Pokal. Zu dem lädt das Münchener „Hitradio“ Firmenfußballer ein. Im gleichen Nachrichten-Kasten freut sich Radio Charivari darüber, zu dem erlauchten 50er-Kreis zu gehören, der über den Prozess gegen die mutmaßliche Nazi-Terroristin Beate Zschäpe vor Ort berichten darf.

Weiter unten auf der Homepage stellt Radio Charivari sein „Top-Thema“ vor: „Als VIP zum Fußball schauen ins Park Café“. Andere Nachrichten sind eine Übersicht über das Sport- und Freizeitangebot Münchens oder ein Bericht über das Frühlingsfest auf der Theresienwiese. Noch die politischste Schlagzeile auf der Startseite am 30. April 2013 lautete: „Baustellen bei der Tram in München“.

Nun berichtet Radio Charivari über den Zschäpe-Prozess. Das kann lustig werden. Gibt`s eine Online-Umfrage? „Ausländer töten – amtlich oder lahm? Postet dazu auf unserer Facebook-Seite!“ Oder ein Gewinnspiel? „Wer war der Führer. A) Justin Bieber oder B) Adolf Hitler?“ Vielleicht überrascht Radio Charivari aber auch mit ausführlichen Hintergründen, aufwendigen Recherchen und schlüssigen Analysen.

Ohne ironischen Unterton erwartet diese der Bürger eigentlich von den überregionalen Tageszeitungen. Doch das Los hat die FAZ, die TAZ oder die Süddeutsche Zeitung verfehlt. Und so ist Bild die einzige überregionale Tageszeitung, die in den Gerichtssaal darf. Ein Glück für die leicht überforderte Pressestelle des OLG. Man stelle sich vor, wie das Boulevard-Leitmedium seine Meinungsmacht genutzt hätte, um seinen Ausschluss zu attackieren. Manch Pressesprecherin hätte vielleicht sogar das Losverfahren manipuliert, um das zu vermeiden. Doch das würde das ehrenwerte Gericht nie tun.

Ob die „seriösen“ Überregionalen je Meinungsbildner waren, ist umstritten. Schon Heinrich Böll hat in der Katharina Blum moniert, es helfe nichts, wenn die anderen sachlich berichten – gegen die von Bild (hier: Die ZEITUNG) vorgegebene Volksmeinung kämen die nicht an. Allerdings waren und formen die Überregionalen die Meinung der „Multiplikatoren“. Politiker sowie und gerade Journalisten aus Funk und Fernsehen schauen genau hin, wie die Kommentarlinie der Überregionalen aussieht.

Nun müssen sie nach der Oberhessischen Presse Marburg schauen. Die erscheint nach eigenen Angaben in einer Auflage von rund 30 000 Exemplaren zwischen Breidenbach und Stadtallendorf – und wurde ebenfalls gelost. Allerdings kooperiert sie mit anderen Tageszeitungen wie der Gießener Zeitungen, sodass sich die Druckerzeugnisse ihren Weg bahnen werden.

Ungewollt hat das OLG ohnehin ein Stück Medienlandschaft ehrlich beleuchtet: Lokale Tageszeitungen, die über nicht mehr zu durchschauende Netzwerke ihre Geschichten austauschen. Private Radiosender, die Nachrichten über Politik featuren. Sei es um die Lizenz wiederzuerlangen oder sei es, um einen PR-Coup zu landen.

Für das Münchener Online-Portal Hallo-Muenchen.de wird der Zschäpe-Prozess zu genau dem. Die Klickzahlen, das Maß des Erfolgs, dürften nach Bekanntgabe der glücklichen Gewinner in die Höhe schnellen. Dass damit der Prozess gegen eine Terrorgruppe, die mehr Tote zu verantworten hat, als die erste Generation der RAF, auf eine Stufe gestellt wird, mit den durch Baustellen bedingten Staus in München… Eine Frage für Medienästheten. Nur: Während die seriösen Tageszeitungen jedes Jahr im Schnitt 2 Prozent ihrer Auflage verlieren und in Folge dessen ihre Existenzgrundlage, ihre Journalisten entlassen, drängen solche Angebote wie Hallo-München und Radio Charivari in die frei werdenden Stellen.

Ein Medium indes wurde zum Sinnbild für das Absurde am OLG-Losverfahren, welches das nicht verdient hat: die Brigitte. Die Frauenzeitung hatte immer schon neben ihrem Serviceteil auch Reportagen zu politischen und gesellschaftlichen, die besser recherchiert und reflektierter geschrieben waren als in manch seriösem Blatt. Ich werde daher während des Prozesses zur Brigitte greifen.