Lass sie meckern

Manchmal erhalten Journalisten Post vom Verein Deutsche Sprache (VDS) oder von anderen Querulanten, die sich über englische Ausdrücke monieren. Manche Redaktionen fürchten diese Schreiben. Doch es gibt gute Gründe, sie zu ignorieren.

VDS hört sich verdächtig nach VHS an – und im Duktus des Volkslehrers kommen denn auch die Briefe des Vereins Deutsche Sprache daher. „Duktus“ ist im Übrigen ein lateinisches Wort. Aber das stört den VDS nicht. Wäre es dagegen der „Style des Volkslehrers“ könnte das den Zorn der Sprachhüter erwecken. Denn bei allem Drumherum, das sich der Verein mittlerweile zu geben versucht. Der eigentliche Hauptfeind sind englische Worte – vor allem wenn sie aus den USA kommen.

Nun mag das im Einzelfall durchaus sinnvoll sein. Nämlich wenn englische Begriffe zum Angeben, Aufblähen sowie Täuschen und Tarnen verwendet werden. Macht zum Beispiel die Deutsche Bahn aus ihrer „Information“ einen „Service Point“, dann ist das zum einen lächerlich – weil da immer noch ein Sprach-Legastheniker aus Sachsen sitzt, der sein Mantra aufsagt: „Ich kann ja nichts dafür.“

Zum anderen ist es ärgerlich, weil „Information“ so ein hübsches Wort ist: Fahrgäste aus Frankreich, Spanien oder England verstehen es auf Anhieb, es ist in die Fälle beugbar und aus dem Subjekt lässt sich ein regelmäßiges Verb ableiten. Nichts ist an der Umbenennung in „Service Point“ gewonnen. Will die Bahn bei Kunden punkten, soll sie ihre Züge zuverlässiger fahren lassen und ihr Personal in Höflichkeit und Anteilnahme schulen.

Anders verhält es sich mit der „Mail“. Sie kommt aus dem Englischen, aber wir sollten sie als Facharbeiterin in unserer Sprache willkommen heißen. Denn die Mail ist schön kurz, in die Fälle beugbar und aus ihr lässt sich ein regelmäßiges Verb ableiten. Genau deshalb hat die Mail ihren Integrationsprozess in die deutsche Sprache so schnell abgeschlossen.

Nicht für den VDS. Dessen Sprachwarte wollen lieber „elektronische Post versenden“. Ich nicht. Was ich in sechs Buchstaben und einem Wort beschreiben kann, werde ich nicht ohne glaubwürdige Androhung von Gewalt in 26 Buchstaben und drei Worte kleiden.

„Deutsch“ ist aus dem entstanden, was die Ostfranken gesprochen haben – eine Abwandlung des Lateinischen. Das Wesen der Sprache Mitteleuropas besteht seit dem ersten Tag darin, sich zu ändern, Neues aufzugreifen und zu vereinnahmen – im Fluss zu bleiben. Wer versucht, alles Französische, Lateinische, Griechische aus dem Deutschen zu verbannen, dürfte bekloppt darüber werden.

Warum es gerade das Englische ist, das den Sprachwarten des VDS aufstößt? Soziologische Mutmaßungen: In der Bewusstseinsindustrie sind die angloamerikanischen Länder führend. Vom Blockbuster-Film bis hin zu den Neuerungen des Internets: Neues kommt meist aus Los Angeles, New York oder London. Vielleicht ist der Abwehrkampf gegen englische Begriffe ein Auflehnen gegen den Führer, den intellektuellen?

Und apropos Führer. Dass wir befreit wurden und nicht nur erobert, ist in Deutschland keine Selbstverständlichkeit. 40 Jahre hat es vom Kriegsende an gedauert, bis ein deutsches Staatsoberhaupt das eingeräumt hat – was immer noch so spektakulär war, dass die Rede legendär wurde, in die Richard von Weizäcker diese Erkenntnis eingebettet hat.

So wie die Eroberten ihre Töchter vor der Fraternisierung mit Besatzungssoldaten abschirmen, verteidigt der VDS das Deutsche immer noch gegen das Englische. Da aber manchmal so schöne Kinder dabei rauskommen wie die „Mail“ möchte man den Sprachhütern zurufen: „Make love – not war!“

Die Journalisten, die Post vom VDS erhalten, sollten gelassen bleiben und ihre eigene Sprache finden oder behalten. Leserorientierung ist ja ganz nett, aber auch nicht immer zielführend. So hat die Bravo einst einen Leserbeirat eingerichtet und alle Themen aus dem Blatt draußen gehalten, die diesen störten oder nervten – in Folge dessen ist die Auflage dramatisch eingebrochen. Denn konsumiert wer mein Medium, um sich darüber aufzuregen, dann habe ich einen Konsumenten mehr – und sei es ein VDS-Sprachwart.