Konkret steckt in der Nische fest

In den 60ern war die Konkret das Sprachrohr der deutschen Linke. Die spätere Terroristin Ulrike Meinhof gehörte zu den Kolumnisten. Nacktbilder halfen, Auflage zu machen. Heute ist die Konkret eher ein Exot in der deutschen Medienlandschaft.

Die Konkret steht im Regal meist neben der Titanic oder dem Eulenspiegel, auch mal neben Titeln wie Meine Lebenslüge oder Emma. Allerdings nur in großen Kiosken, in kleinen Läden sucht der Leser sie vergebens. Dabei war die Zeitschrift, die heute monatlich erscheint, mal ein Massenblatt. Bei einer Auflage von 175 000 Stück hatte sie 500 000 Leser, wie das Wirtschaftsinstitut IVW feststellte.

Gegründet wurde die Zeitschrift 1955 als Studentenkurier. Es war der Schriftsteller Arno Schmidt, der den Tipp gab, einen neuen Namen zu suchen, um auch Leserschaft außerhalb der Hochschulen zu finden. 1957 erschien erstmals Konkret. Herausgeber war Klaus Rainer Röhl, Ehemann der Meinhof und Vater ihrer Zwillinge. Die DDR unterstützte Konkret bis 1964 mit 40 000 Westmark im Monat. Dann stellte der kommunistische Staat die Zahlungen ein, weil Röhl Artikel über Schriftsteller veröffentlichte, die kritisch über die Sowjetunion und ihre Verbündete schrieben.

Als die DDR nicht mehr zahlte, änderte Röhl das Konzept. Das "Magazin für Kultur und Politik" zeigte jetzt nacktes Fleisch auf dem Titelblatt und beschäftigte sich redaktionell auch mit den Themen der beginnenden "Sexuellen Befreiung". Mit Erfolg: Die Auflage stieg und Konkret gewann an Einfluss. Schriftsteller wie Heinrich Böll oder Peter Rühmkorf veröffentlichten in der Zeitschrift, die anfangs nur in Vorlesungszeiten erschien, dann monatlich, später sogar wöchentlich.

Konkret stellte politisches Geschehen aber nicht nur dar, die Mitarbeiter griffen auch ein: 1959 setzten Redakteure der Zeitschrift eine Resolution durch im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), eine der SPD nahe stehende Hochschulgruppe. Darin wurden alle Atomwaffen verdammt. Die SPD reagierte sauer, erklärte die Mitgliedschaft in Partei und SDS für unvereinbar. Der SDS radikalisierte sich und wurde zum Träger der außerparlamentarischen Opposition.

Anfang der 70er zersplitterte die Linke in viele kleine Gruppen, der Terror der RAF begann. Auch die Konkret schlitterte in eine Krise. Nach Röhls Darstellung sabotierten ehemalige Stern- und Spiegel-Journalisten das Blatt, um es zu übernehmen. Dabei habe auch der DDR-Geheimdienst Stasi geholfen. Fakt ist: Der Verlag ging 1973 in die Insolvenz, die Konkret verschwand für ein Jahr vom Mark und erschien 1974 wieder.

Einen Namen erwähnt Röhl in seiner Autobiographie nicht: Hermann L. Gremliza. Der ehemalige "leitende Redakteur" des Spiegels bringt seit 1974 die Konkret heraus und prägt sie. Unter dem Motto "Lesen, was andere nicht wissen wollen" beschäftigt sie sich mit Themen wie dem militärischen Engagement Deutschlands oder dem Neo-Nationalsozialismus.

Die verbreitete Auflage beträgt 41 000 Stück. Fast die Hälfte davon wird im Norden der ehemaligen Bundesrepublik gelesen. Die Konkret ist heute ein Nischenprodukt ohne Kampagnenfähigkeit. Nicht einmal die Linke schart sie geschlossen hinter sich. Das liegt auch an Gremliza, der nicht jede linke These kritiklos übernimmt. Entgegen der Hauptrichtung der Szene stellt sich die Konkret in ihren Kommentaren hinter den Staat Israel. Weil er diesen Kurs nicht akzeptieren wollte, musste zum Beispiel Mitarbeiter Jürgen Elsässer gehen. In der Jungen Welt rechnete er darauf mit Israel und der Konkret ab.