Als ich versagte

In jedem Berufsleben gibt es Sternstunden und finstere Täler. Eines habe ich durchwandert, als ich es als Journalist mit der Bahn zu tun hatte. Mehltau muss ansteckend sein. Auf jeden Fall habe ich es unterlassen zu beißen – leider.

200 Aufmacher über Mainz musste ich einst jährlich für die Rundschau liefern. 100 schenkt die Stadt einem von sich aus, den Rest muss sich ein Stadtkorrespondent erarbeiten. Da kam die Pressemitteilung der Deutschen Bahn wie gerufen: Neuer Bahnhofsmanager für Mainz, hieß es da. Einfach ein großes Porträt machen und es stehen nur noch 99 Aufmacher aus.

Den Namen des Bahnhofmanagers habe ich vergessen. Er wäre relativ leicht zu recherchieren, auch ob er noch im Amt ist – aber es spielt keine Rolle. Es mag dramaturgisch verkehrt sein, den Clou schon vorweg zu nehmen: Aber der Einzelne spielt keine Rolle, wenn es um die Bahn geht und das ist genau das Problem.

Der Reihe nach: Schon das Setting für das Interview war merkwürdig. Wir trafen uns im Bürotrakt am Rande des Hauptbahnhofs, ein Vertreter der Pressestelle war als Aufpasser dabei. Und der Bahnhofmanager hatte sich fest vorgenommen, nichts zu sagen. Selbst im Abspulen von Sprachregelungen schien er sich nicht sicher, ob er diese mit der Welt teilen soll.

Entsprechend zäh lief das Gespräch. Ich würde die 120 Zeilen füllen, das war mir klar. In heutigen Zeiten können es sich die wenigsten Journalisten leisten, einen Nachmittag für einen Termin zu opfern, von dem dann nichts im Medium läuft. Nur Spannendes würde halt nicht drin stehen – egal wie ich ihn abklopfte.

Dann sprach ich ihn auf den Ruf der Bahn an. Der Bahnhofmanager dazu: Über die Bahn redeten eh alle schlecht. Da dürften sich die Mitarbeiter nicht von beeindrucken lassen und einfach ihre Arbeit tun. Vielleicht wollte er nur seine Schutzbefohlenen aus dem Kreuzfeuer holen, sie entspannen. Trotzdem war meine Nachlässigkeit, die dann folgte, unverzeihbar. Auch nicht dadurch, dass mir 90 Minuten Sprachregelungen den Verstand haben einschlafen lassen.

Journalismus-Schülern wird gerne eine Anekdote erzählt: Ein junger Reporter soll in den Gottesdienst, um über die Predigt des Bischofs zu schreiben. Er meldet sich aber nicht mehr in der Redaktion und liefert auch keine Story ab. Als sein Chef nach dem Warum fragt, antwortet der Reporter: Es habe keine Predigt gegeben, der Bischof sei tödlich verunglückt.

Die Pointe will uns sagen: Es ist nicht wesentlich, was als Essenz einer Geschichte geplant ist – sondern was sie als Essenz anbietet. Ich hatte mich schon zu sehr auf das Schönreden des Dumpfgelabers eingerichtet, um aus dem Zitat des Bahnhofmanagers rauszuholen, was drin steckte.

In dem Zitat, es ist nicht wichtig, wie gut wir arbeiten, wir haben eh einen schlechten Ruf, steckt natürlich ein Freibrief: Wir haben ein Monopol und keinen Ruf zu verlieren. Wir können es uns erlauben, schlecht zu sein. Und das nicht als Einzelmeinung geäußert, sondern als Stellungnahme einer Führungskraft gegenüber einem Journalisten – unter Aufsicht eines Aufpassers der Pressestelle.

Der Aufbau des Textes hätte sein müssen: Einführung ins Thema, Problematisierung des Zitats und dann einzeln abarbeiten, wozu der Bahnhofsmanager mir alles eine substantielle Aussage verweigert hat. Das hätte die Attitüde, mit der die Bahnoberen arbeiten, schön veranschaulicht. Das Muster vor Auge und jeder versteht, wie es zu solch grotesken Zuständen kommen kann, die derzeit um den Mainzer Hauptbahnhof herrschen.