Willkommen in der Tretmühle

Stefan Kießling hat seinen Abschied aus der Nationalmannschaft verkündet. Beziehungsweise: Der Torschützenkönig der Vorsaison hat sämtliche Ambitionen auf jene abgeschworen. Der Grund ist ein spannender: Er wollte nervenden Interviews entgehen.

Arnd Zeigler hat den Fußball lustig gemacht. Ein Produkt des Sportjournalisten: Im Frühjahr 2004 hat er die immer gleichen Statements des Bayern-Trainers Ottmar Hitzfeld zusammen geschnitten, in denen der beschwor, der massive Rückstand auf Werder Bremen sei noch aufzuholen. Lustig. Kritisch. Wie bei Journalisten aber so oft – nicht selbstkritisch. Denn was Zeigler wegschnitt, waren die immer gleichen Fragen, die zu eben diesen immer gleichen Statements geführt haben.

Kein Genre ist so penetrant redundant im Fragen wie das des Sportjournalismus. Vor allem seit dem Sender wie Sky oder Sport 1 täglich Nachrichtenformate anbieten. Betritt ein angeschlagener Trainer das Gelände, stehen da fünf Kamerateams. Alle mit den gleichen Fragen: „Wie sehen Sie die Entwicklung? Sitzen Sie am Samstag noch auf der Bank?“ Hat der Trainer das fünfte Kamerateam abgearbeitet, laufen die Bilder des ersten schon über den Schirm. Die Botschaft: „Von Entlassung bedrohter Trainer will nicht aufgeben.“

Schon steht das Kamerateam wieder in der Schlange und will wissen: „Wie sehen Sie die Entwicklung? Sitzen Sie am Samstag noch auf der Bank?“ Diesmal soll der Trainer es vor einem BMW statt vor einem Mercedes sagen. Das wird eine heiße Meldung. Nur noch getoppt von dem Statement, dass er dann eine halbe Stunde später vor dem Kabineneingang abgibt.

Es wäre eine Recherche wert, herauszufinden, wie viele Funktionäre ihre Trainer entlassen, nur um sich diese nervigen Rituale zu ersparen. Verwenden sie nach der Entscheidung Euphemismen wie „für Ruhe im Umfeld sorgen“, dann darf der Rechercheur diesen Fall durchaus auf seine Liste setzen.

Unterhaltsam wird es, wenn Sender, die über Wochen ununterbrochen die gleichen Fragen stellen, dann in ihren Reportagen den „Mediendruck“ thematisieren, der auf dem Verein laste – und den der Vorstand in den Griff kriegen müsse. Zweitverwertung wäre der schmeichelhafte Ausdruck dafür.

Wobei es den Funktionären nicht zu verdenken ist. 30 Mal am Tag die gleiche Frage gestellt zu bekommen – das halten höchstens liebende Eltern aus. Und selbst die verlieren schon mal die Geduld. Auch das Kindchen-Schema macht aus einer Tretmühle keinen Freizeitpark. Und schon recht kein Horst Schlemmer mit Mikro in der Hand.

Zum Trost der Funktionäre: Nicht nur sie werden gefoltert. Auch der Zuschauer leidet. Etwa wenn Uli Hoeneß aus dem Bauch heraus, direkt nach dem Spiel, wegen eines üblen Tritts gegen Franck Ribery fordert, herausragende Spieler wie Ribery müssten von den Schiedsrichtern besonders geschützt werden. Dann fährt die Tretmühle voll auf.

Allein der Doppelpass hat drei Sendungen mit dieser Forderung bestritten. In der gleichen Zeit sind ein halbes Dutzend politische Themen aufgekocht – und mit Rücksicht auf satte Zuschauer wieder weggeschüttet worden. In der Sportberichterstattung nicht: „Alle müssen gleich behandelt werden“ versus „Gute Spieler werden mehr gefoult“. In 1000 Varianten, 1000 Mal wiederholt – bis man nur noch brechen möchte.

Wobei diese Debatte noch einen realen Hintergrund hatte. Kann Pep Guardiola aus dem Schatten von Jupp Heynckes treten? Lässt sich vor dem ersten Spiel nichts Vernünftiges zu sagen. Ist auch keinem gelungen – in den unendlich vielen Statements, die es vor Saisonbeginn trotzdem gab.

2006 hat ein Sänger von dieser Entwicklung profitiert. Vor der „WM im eigenen Land“ gab es ermüdende Debatten über Kahn versus Lehmann oder über innere Sicherheit. „Wird Zeit, dass sich was dreht“, sang Herbert Grönemeyer dann und landete folgerichtig einen Erfolg. Und das bleibt das Schöne: Wenn Freitag, 18 Uhr der Spieltag anfängt, schweigt ein Wochenende lang die Nachrichtenwelt des Fußballjournalismus.