Regt Euch ruhig auf

Der Sturm Xaver, die Becker-Twitter-Affäre oder der Versprecher von Markus Lanz haben zwei Dinge gemeinsam: Den Medienhype, den sie auslösen – und die Kritik, die sich an jenem Medienhype festmacht. Auch sie ist mittlerweile Folklore und es gibt nur einen gescheiten Umgang damit.

 

1989 gab es keine Lebensmittelskandale. Warum nicht? Weil es echte Nachrichten gab: Aufstände, die blutig niedergeschlagen wurden. Diktatoren, die gestürzt wurden. Staaten, die implodierten. Da hat es keinen interessiert, wenn ein Schwein Schnupfen hatte oder ein Bauer – oh, mein Gott – Pestizide über seinem Salat verteilte.

Die Rinder des Jahres 2000 hatten mehr Pech. Die Milleniums-Katastrophe war ausgeblieben, islamistischer Terror noch ein Randthema und der Hindukusch nicht die Verteidigungslinie der deutschen Freiheit. Medial wurde folglich der Rinderpest jenes Gewicht zugeteilt, das sonst diesen Themen vorbehalten gewesen wäre. Am Ende des Treibens wurden massenhaft gesunde Tiere geschlachtet, um einer Krankheit vorzubeugen, die zu Demenz im hohen Alter führt.

Warum? Der Grund ist denkbar einfach: Wir müssen uns aufregen. Es gehört zu unserem Wesen, hält unseren Kreislauf hoch und verhindert die peinliche Stille mittags beim Essen oder abends in der Kneipe. Und wenn nichts zum Aufregen da ist, dann schaffen wir uns etwas. Ja, wir. Was denkst Du denn, für wen „DIE MEDIEN“ das machen, Stupid.

Medien sind letztlich auch nur Dienstleister. Wenn keiner in Brennpunkte schaltet, in denen Wetter-Azubis in XXL-Flausch-Mikros gegen den Wind brüllen, dann werden die mutmaßlich nicht gezeigt. Und ganz sicher wird eine Pocher-demütigt-Becker-Show nicht gezeigt, wenn den Dreck keiner einschaltet.

Solange das so bleibt, ist die Kritik am Medienhype müßig. Zumal sie letztlich nur das Muster anwendet, das sie selbst kritisiert: Das redundante Aufgreifen von Themen, die intellektuell eigentlich ausreichend durchgearbeitet sind. Am Ende des Tages nervt die Kritik am Hype genauso wie der Hype selber. Doch es empfiehlt sich, auch mit den Kritikern nachsichtlich umzugehen. Denn letztlich wollen sie sich nur aufregen – über irgendwas. Bis der nächste Staat implodiert.