Die Exfrau von Jürgen Drews

Corinna Drews zieht heute Abend ins Dschungelcamp ein. Eine spannende Personalie. Zumindest angesichts der Frage, wie sich Medien in den vergangenen 30 Jahren entwickelt haben. Drews anstehende Präsenz im Fernsehen ist ein verspätet eingelöstes Versprechen.

In Kir Royal spielte Corinna Drews eine junge Frau, die sich anschickt ein Sternchen zu werden. Sie will zur Münchener Schickeria gehören. In dem öffentlichen Raum vorkommen, in und über den die Schickeria definiert wird: die tägliche Kolumne des Klatschreporters „Baby Schimmerlos“.

Das Sternchen lässt nichts unversucht: Sie geht mit Schimmerlos‘ Fotografen ins Bett, drängelt sich auf den obligatorischen Partys ins Bild und wenn gewünscht, lüftet sie ihr Kleid und zeigt den Busen. Die Frage, ob das zum nachhaltigen Erfolg führt, ist für die Macher so rhetorisch, dass sie diese gar nicht erst auflösen.

Kir Royal ist bald 30 Jahre her. In den Ankündigungen zum Dschungelcamp rangiert Corinna Drews trotz dieses Auftritts nicht mehr als Schauspielerin, sondern als Exfrau von Jürgen Drews – dem König von Mallorca, der auch nichts auslässt, um sich einen Platz im öffentlichen Raum zu erstreiten. Meist mit mangelhaftem Erfolg. In der „Comeback-Show“ von Pro sieben fiel er einst in der Qualifikation durch.

Nun also Corinna Drews, „Exfrau von Jürgen Drews“ – das ist in der medialen Promihierarchie nur sehr knapp über dem Sack Reis, der in China täglich zu fallen droht. Keine Angst. Es folgt keine Kritik am Dschungelcamp a la: die haben nur B-Promis gefunden. Diese Art der Kritik ist dumm, denn sie übersieht, dass es kein Versehen sondern Konzept des Dschungelcamps ist, dass die Stars keine sind: Ihr Kampf, um den Platz im öffentlichen Raum ist verzweifelt. Und erst die Verzweiflung macht den Kampf konsequent. Und nur ein konsequenter Kampf ist wirklich unterhaltsam. Hätte Rocky zurückhaltend und taktisch geboxt wie Henry Maske – der Film wäre ein Flopp geworden.

Kir Royal hatte als Serie seinerzeit deshalb einen so hohen Wert, weil es aus dem Leben gegriffen war. Das Drehbuchautoren-Team um Patrick Süskind nahm Anleihen bei echten Größen der Münchener Schickeria – und machte sich oft genug wenig Mühe, das reale Vorbild zu verschlüsseln. Der Kampf ums „Drin sein“ war echt und wurde genauso ernst genommen, wie er lächerlich anmutete. Und dabei ging es nur um eine Kolumne in einer lokalen Tageszeitung.

Ohne den schreibenden Kollegen zu nahe treten zu wollen: Im Ranking des öffentlichen Raums ist die Kolumne in der lokalen Tageszeitung nur überschaubar höherwertig als es die „Exfrau von Jürgen Drews“ im Promiranking ist. Mit der Einführung der Privaten hat das Fernsehen die Herrschaft auf dem Boulevard übernommen. Höchstens die Bild und in Abstrichen Gala oder Bunte können noch den Putsch wagen.

Und das Fernsehen ist großzügiger als es Baby Schimmerlos einst war. Der Reporter legte harte Kriterien an, „wer drin ist“ – oder auch nicht. Heute halten Geschichten kürzer durch. Dem Publikum wird es schneller fad, es will Neues und Spektakel. „Die Tochter von Roberto Blanco“, „Der Promifriseur“ oder „Das Teppichluder“ sind nicht mehr Randfiguren des öffentlichen Raums, sondern Hauptdarsteller. Wenn auch nur wenig länger als für die Viertelstunde Ruhm, die Andy Warhol einst Mister und Miss Niemand versprochen hat.

16 Tage dauert „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“. Das sind etwa 25 Stunden im RTL-Hauptprogramm, die im Schnitt von rund 5 Millionen Zuschauer gesehen werden. Das ist in der Medienwelt viel Zeit. Es gibt kaum noch Formate, die sich so viel nehmen. In der Tagesschau ist ein Experte froh, wenn ihm für etwas Komplexes wie das Rentenkonzept 90 Sekunden zugestanden werden.

Mindestens 15 Stunden statt 15 Minuten ist nun Corinna Drews dabei. Vor einem Publikum, wie es sonst in der Größe nur Wetten dass, der FC Bayern und die Fußballnationalelf ansprechen. Das ist mehr, als ihre Kunstfigur aus Kir Royal wohl je geschafft haben dürfte. Das Versprechen hat sich erfüllt. Jeder kann „drin sein“.