Über Verbotskultur nachdenken

Thilo Sarrazin und Akif Pirinçci schreiben schlechte Bücher. Trotzdem verkaufen diese sich wie geschnitten Brot. Das kann einen als Linksdenkenden in Kulturpessimismus verfallen oder die Ursachen suchen lassen. Am Ende vielleicht sogar bei sich selbst. Etwa was die eigene Verbotskultur betrifft.

Verbote sind beliebt bei den Deutschen. Viele erteilen selbst welche. Sie schmücken ihre Häuser und Gärten mit Schildern wie: „Parken verboten“. „Einfahrt freihalten“. „Keine Werbung einwerfen“. „Dies ist kein Hundeklo.“ Oder „Spielen verboten“. Trotzdem ist es gelungen, eine Partei im Wahlkampf mit dem Etikett „Verbotspartei“ zu diskreditieren. Und trotzdem verkaufen Sarrazin und Pirinçci ihre Bücher neben dumpfen Rassismus mit der These: „Endlich sagt’s mal jemand.“ Was impliziert, dass es unter Strafe stehe, dies zu tun.

Die Partei, die im Wahlkampf zur „Verbotspartei“ wurde, distanziert sich mittlerweile von diesem Stilmittel. Als ihre ältere Forderung hochkochte, Autofahren auch bei geringem Alkoholkonsum unter Strafe zu stellen, meldete sich eine innerparteiliche Opposition zu Wort: Verbieten sei nicht gut, dieses Verbot nicht sinnvoll. Die Partei beeilte sich, die Debatte zu beenden. Dabei ist es gesellschaftlich unstrittig, dass Alkohol dem sicheren Fahren schadet. Die Frage ist nur, ab wieviel Promille muss der Staat eingreifen. Eigentlich müsste eine solche Debatte doch möglich sein.

Parlamentarische Demokratie beruht auf zwei Säulen: Abgeordnete bestimmen über den Haushalt und über Gesetze. Deren Charakter steht diametral zur Mentalität von Walldorf-Schulen: „Jeder macht mal so, wie er fühlt und dann reden wir drüber, was das bei dem anderen auslöst“, wird sich in keinem Gesetz finden. Nehmen wir nur das Urgesetz schlechthin, die Zehn Gebote: „Du sollst nicht töten!“, „Du sollst nicht ehebrechen!“, „Du sollst nicht stehlen!“ Klar formulierte Verbote. Und trotzdem schauen wir Charlton Heston jedes Jahr an Ostern zu, wie er die Gebote zu seinem Volk bringt.

Der Ruf nach Aufhebung von Gesetzen ist nur vordergründig populär. „Alle Verbote im Straßenverkehr aufheben“, würden als Forderung gar nicht so wenige unterschreiben. Spätestens wenn sie vor ihrer Haustür von einem Rollerfahrer mit Tempo 90 angefahren werden, sind auch die Unterschreiber bereit, dies noch einmal zu überdenken. Und es muss gar nicht so schlimm kommen. Es reicht, wenn tatsächlich jemand ihre Einfahrt zuparkt und sie mit ihrem Auto nicht rauskommen.

Wir akzeptieren Verbote, solange sie unseren Bereich von ungewünschten Einflüssen von außen abriegeln. Die Verbotskultur, die einem Sarrazin und einem Pirinçci den Nährboden bereiten, hat einen umgekehrten Charakter: Sie kommt von außen und mischt sich in den inneren Bereich der Menschen ein: Zu Negerküssen nicht mehr Negerküsse, sondern Schokoküsse sagen. In öffentlichen Gebäuden nicht mehr rauchen. Das Zigeunerschnitzel nicht mehr so nennen. Draußen nicht mehr rauchen. Einmal in der Woche vegetarisch essen. Auf dem eigenen Balkon nicht mehr rauchen…

Die Verbotskultur, die zu Abwehrreaktionen führt, mischt sich ins Allerprivateste ein: den Humor zum Beispiel. Über Frauen Witze machen oder darüber lachen? Geht gar nicht, ist sexistisch. Über Ausländer? Rassistisch. Über sexuelle Neigungen? Rass… ähh sexist… also geht auch nicht. Witze über Banker sind erlaubt oder über dicke deutsche Heteromänner. Woran man sieht, dass auch hier keine objektiven Wahrheiten hinter liegen, sondern die Färbung und Interessen derer durchdringt, die nach innen reichende Verbote aufstellen.

Gerade im geisteswissenschaftlichen Milieu ist diese Neigung stark ausgeprägt. Henryk M. Broder hat jüngst die These aufgestellt, dass erst wenn alle Fragen zu Krieg und Frieden, Wohlstand, gesundheitlicher Versorgung oder Wohnraum geklärt seien, eine Gesellschaft die Zeit für die Frage finde, ob sie Toiletten für sexuell Unentschlossene brauche. Außer dass über Broder die gleichen Beschimpfungen ergehen wie über Sarrazin oder Pirinçci, hat es noch keine schlüssige Gegenthese dazu gegeben.