Wann ist der Scoop ein Scoop?

In Kalifornien hat gerade eine Katze den Sprung zum Weltstar geschafft, weil sie einen kaum größeren Hund in die Flucht geschlagen hat. Andere versuchen vergeblich ein Nano-Prozent der Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem sie über Länder berichten, die in Folge des Klimawandels im Meer versinken werden. Die Frage, wann etwas in die Medien kommt, ist also berechtigt. In Mainz gehen ihr auf einer Veranstaltung Experten nach.

„Wie kommt man in die Medien“, hieß die Fragestellung eines gut dotierten Vortrags, den ich im Spätsommer 2009 für die Friedrich-Naumann-Stiftung gehalten habe. Meine Antwort war kurz: „Nehmen Sie sich einen Dienstwagen und fahren damit nach Alicante.“ Versteht jetzt vielleicht nicht jeder. Aber im Spätsommer 2009 hat das jeder verstanden und einen sicheren Lacher beschert: Denn der damaligen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt war kurz zuvor der Dienstwagen gestohlen worden – auf Privaturlaub in Spanien.

„Wie kommt man aus den Medien wieder heraus“, wäre folglich die spannendere Frage gewesen. Und wahrscheinlich hätte Schmidt noch deutlich besser bezahlt als die Friedrich-Naumann-Stiftung, wenn ich ihr eine Antwort hätte liefern können. Das konnte ich allerdings genau so wenig wie ihr mutmaßlich anständig honorierter Pressesprecher.

Wenn die Meute über Dich herfällt, hast Du keine Chance mehr. Das eindrucksvollste Beispiel dafür lieferte der jüngste Alt-Bundespräsident aller Zeiten, Christian Wulff. Wer an die Presselage Anfang 2012 glaubte, musste Wulff für den vergessenen Enkel von Bonnie und Clyde halten. Was übrig blieb, war, dass er sich auf dem Oktoberfest hatte einladen lassen und jemand seinem Sohn ein Bobbycar geschenkt hat. Wer frei von Schuld ist, werfe weitere Steine. Ich für meinen Teil halte mich zurück: Ich bin schon mal auf dem Oktoberfest freigehalten worden und mein Hund hat ein Körbchen geschenkt bekommen. Bundespräsident werde ich also besser nicht mehr.

Solch gelassene Einschätzungen sind heute möglich. Anfang 2012 war die öffentliche Meinung deutlich hysterischer – Wulff eine persona non grata. Schuldgeständnisse hätten ihm so wenig gebracht, wie Erwiderungen. Wenn sich eine Meute und ihr Gefolge über ein Bobbycar aufregen will, dann tut sie das.

Gegen eine aufgehetzte Meute helfen nur zwei Dinge: zum einen Aushalten, zum anderen eine noch größere Schlagzeile. Das beste Beispiel dafür ist Freiherr von und zu Guttenberg. Anfang März 2011 ist er als Konsequenz der Plagiatsaffäre von allen seinen Ämtern zurückgetreten. Wer weiß, ob er nicht immer noch in der Politik wäre, wenn er nur noch eine Woche durchgehalten hätte? Denn dann erreichten ein Erdbeben und ein Tsunami die japanische Ostküste – und das Atomkraftwerk von Fukushima ging buchstäblich in die Luft.

Kommen keine härteren Schlagzeilen, beenden nur Rücktritte Affären. Als Anfang 2000 die Spendenaffäre der CDU kochte, hätte Helmut Kohl zurücktreten müssen. Dumm nur, dass er kein Amt mehr hatte, auf das er hätte verzichten können. Vor lauter Hilflosigkeit beschloss die CDU damals, Kohl müsse seinen Ehrenvorsitz ruhen lassen. Ein Symbol mit einem Symbol. Endgültig medial beendigt war die Spendenaffäre erst, nachdem der damalige Parteivorsitzende Wolfgang Schäuble zurückgetreten war – auch wenn sein Anteil an der Spendenaffäre vergleichsweise mickrig ausfällt.

Schäuble ist zurückgekommen, gilt heute als anerkannte Finanzminister. Doch zum Rücktritt ist trotzdem nicht zu raten. Margot Käßmann wird heute als Ikone der Glaubwürdigkeit verehrt, weil sie 2010 nach einer Trunkenheitsfahrt sofort zurückgetreten ist. Und was hat es gebracht? Buchverträge, okay. Die hätte sie aber als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland auch so erhalten. Ein Comeback in der evangelischen Kirche dürfte ihr für nennenswerte Ämter aber verbaut bleiben.

Der Frage, was ein Thema zum Scoop macht und warum es zum Hype wird, geht eine Veranstaltung des Presseclubs Mainz und des Forum Qualitätsjournalismus nach. Am Donnerstag, 12. Juni, diskutieren im Kurfürstlichen Schloss in Mainz unter anderem die medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Tabea Rößner, Professor Mathias Kepplinger von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der DPA-Journalist Marc-Oliver von Riegen.

Die Diskussion beginnt um 18.30 und dauert bis 20 Uhr. Die Veranstalter weisen ausdrücklich darauf hin, dass danach Zeit genug bleibt, um bis zum Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft zuhause zu sein. Wie passend. Denn die WM ist natürlich der perfekte Schlagzeilen-Produzent, um unangenehme Schlagzeilen vergessen zu machen. Wird spannend sein zu sehen, wie viele unangenehme Wahrheiten Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur bis dahin bekannt machen, weil sie um die Kraft der WM wissen, Unangenehmes vergessen zu machen.