Bye bye, Bravo

Sie war der Leuchtturm ganzer Generationen, holte die Stones und die Beatles nach Deutschland und nordete Jugendliche durch die Hintertür konservativ ein. Nun droht der Bravo das Aus, zumindest ist die einst führende Jugendzeitschrift in die Bedeutungslosigkeit versunken.

1979 war das Jahr der Bravo. 1,8 Millionen Exemplare gingen jeden Donnerstag über die Kiosk-Theken. MTV oder Formel 1 gab es noch nicht. Wer Musik im Fernsehen sehen wollte, musste die unsäglich unlustigen Scherze von Ilja Richter über sich ergehen lassen oder das Autoverkäufer-Stakkato von Dieter Thomas Heck ertragen. Wer sich über junge Musik orientieren wollte, kam an der Bravo nicht vorbei.

 

Die Bravo war staatstragend. Zwar berichtete das in Bayern sitzende Blatt über die Ausschweifungen der Rolling Stones – holte die Band auch nach Deutschland – aber gleichzeitig stellte sie den Bad Boys immer auch Idole wie Roy Black oder Heintje gegenüber. Die jungen Leser sollten den Ruch der weiten Welt wittern und schnuppern, aber danach sich brav in die Reihen der Fabrikarbeiter und Büroangestellten einreihen. Alles was in der Musik Dinge in Frage stellte, wurde letztlich über die Bravo kommerzialisiert. Selbst ein links-sozialdemokratischer Mahner wie Wolfgang Niedecken von BAP wurde so in die Maschinerie integriert.

 

Das ging Jahrzehnte lang gut. Am Vorabend des Milleniums hatte die Bravo noch 1,2 Millionen Auflage. Neben dem Mutterblatt gab es aber nun einige Ableger wie Bravo Sports oder Bravo Girl, die Interesse an sich banden sowie einiges an Konkurrenz von anderen Verlagen. Aber für die Macher war alles okay. Das Blatt brachte Geld und hatte einen hohen Einfluss in der Szene.

 

Das Spiel ist vorbei. Im jüngsten Quartal rutschte die Auflage unter 150 000. Das Internet hat dem Blatt in allem den Rang abgelaufen, worin es einst führend war. Musik? Wer braucht noch die Bravo, wenn es YouTube gibt? Klatsch über Promis? Da kann die Bravo donnerstags gar nicht alles nachholen, was die einschlägigen Blogs über die Woche an vermeintlichen Nachrichten ausspucken.

 

Als einer der ersten Sparmaßnahmen feuerte Bauer Media die Leiterin des Dr.Sommer-Teams. Der Sex war einst ein wichtiges Verkaufsargument. Die Bravo bot Aufklärung und – für die Zielgruppe nicht unwichtig – Vorlagen. Im prüden 1979 gab es für Jugendliche als Alternative sonst nur die Wäscheseiten des Neckermann-Katalogs. Da ist 2014 das Internet ein ganz anderer Konkurrent.

 

150 000 Exemplare sind für eine Publikumszeitung eine kritische Marke. Sie verliert an Relevanz, kann keine Trends mehr setzen oder bestimmen. Und das ist auch gut so. Denn eine Masche trieb das bayerische Blatt in jüngster Zeit ins Unerträgliche: die moralische empörte Sensation.

 

Stichwort Miley Cyrus. Das Blatt empörte sich kräftig über die freizügigen Posen des ehemaligen Disney-Stars. Um diese umso ausgiebiger im Bild festzuhalten und auf der Startseite die neuesten Ausschweifungen zu versprechen. Das erinnert an die verschwitzten Altherren-Phantasien des Schulmädchen-Reports, der sich auch im Dokumentationsstil pseudoempörte, um eine Bumserei nach der anderen zeigen zu können. Der Schulmädchenreport erlebte übrigens 1980 seinen 13. und letzten Teil. Manchmal muss man nur rechtzeitig aufhören.