Der Durchbruch des Streamens

Das WM-Finale von Bern war die Sternstunde des Mediums Radio. Und fast unbemerkt gleichzeitig der Durchbruch des Fernsehens. Mit den Olympischen Spielen von Rio wird es ähnlich sein: Geprägt werden sie wohl noch vom linearen Fernsehen – doch wenn ARD und ZDF es richtig machen, zeigen die Spiele die Überlegenheit des Streamens.

In diesem Herbst wollen die öffentlich-rechtlichen Sender das Fernsehen neu erfinden. Dann startet ihr Jugendangebot. Dafür verzichten sie komplett auf eine Sender-Plattform. Lineares Fernsehen – bei dem eine Redaktion bestimmt, was wann läuft -  wird das Jugendangebot nicht mehr sein. Die Zielgruppe kann damit zunehmend nichts mehr anfangen. Jeder kann und will sein eigener Regisseur sein. Das gesamte Material wird nur online zu sehen sein – vor allem Youtube wird ein wichtiger Kanal werden.

Gerade während Olympischen Spielen ist dieser Wunsch auch für die Generationen nachvollziehbar, die mit linearem Fernsehen groß geworden sind. Denn wegen der Fülle des Nebeneinanders stoßen ARD und ZDF an ihre Grenzen: Wer gerade ein unterhaltsames Basketball-Spiel genießt, muss im klassischen Fernsehen damit rechnen, dass zur Entscheidung im Hochsprung der Männer umgeschaltet wird.

Bei den Spielen in London kam vor allem beim ZDF noch der Hang der Öffentlich-Rechtlichen zur Emotionalisierung des Sports dazu. Mitunter sind die Hardrock geschwängerten Intros länger als die redaktionellen Beiträge und wird Sendezeit für Homestorys von Sprachregelung-Aufsagern verschwendet.

Und statt nach der Entscheidung im Hochsprung zurück zum Basketball-Spiel zu geben, bleibt der Sender dann beim jubelnden Sieger, interviewt zwischendrin einen Experten und gibt dann stolz bekannt, schon als Dritter von 37 Sendern den Hochsprung-Sieger befragen zu dürfen. Ob er denn glücklich sei, wird gehetzt gefragt. Und Badauz, ja, antwortet, der atemlos, er ist glücklich. Verrückte Zeiten.

Wer streamt, braucht sich damit nicht zu beschäftigen. Der ist schon längst zurück zu seinem Basketball-Spiel – oder hat dieses vielleicht nie verlassen. Gut 1000 Stunden Livestreams verspricht das ZDF.

Auf rio.zdf.de gibt es an allen Olympia-Wettkampftagen bis zu sechs parallele Livestreams und ein Video-Angebot, ebenfalls abrufbar via HbbTV. Zudem gibt es eine Neuheit: Mit der App "Olympia in 360 Grad mit dem ZDF" können die Sommerspiele laut Sender „noch intensiver erlebt werden“: Neben der Eröffnungs- und Schlussfeier gibt es jeden Tag ausgewählte Wettkämpfe live in 360 Grad und in Virtual Reality (VR), ebenso die Highlights als Abrufvideo. Darüber hinaus bietet das ZDF weitere Videos in 360 Grad: vom Blick hinter die Kulissen im Sendezentrum über den Stadtrundgang bis hin zur Copacabana.

In den vollen VR-Genuss kommen die Zuschauer mit der entsprechenden Brille. Das 360-Grad-Angebot ist auch ohne VR-Brille nutzbar. PC, Tablet und Smartphone machen den Rundum-Blick ebenfalls möglich. Die App ist in Kürze für iOS, Android und Gear VR verfügbar.

Die zusätzlichen Livestreams sind auch über den Red Button auf der Fernbedienung aufrufbar. Voraussetzung ist ein Smart-TV mit Internet-Verbindung. Auch dort hilft der Programmplaner bei der Suche nach der Lieblingssportart. Wettkampf verpasst? Die Videos auf Abruf bringen jeden Olympia-Fan auf den aktuellsten Stand. Ebenfalls im HbbTV-Angebot ist der klassische Medaillenspiegel zu finden.

Angesichts des Endes des linearen Fernsehens werden die digitalen Sender der Öffentlich-Rechtlichen zunehmend absurder. Wurden sie während früherer Spiele noch als Ausweichort – etwa für Basketball-Spiele – genutzt, haben sie mit Rio nichts zu tun. Während das ZDF das Finale im Männer-Hochsprung läuft, zeigt ZDF Info „Die schwersten Unglücke der DDR“. Für junge Leute, die nicht wissen, was die DDR ist: Geschichte. Wie es das lineare Fernsehen auch bald sein wird.