Mich gibt's wirklich

Aufmerksamkeit ist die Währung unserer Zeit. Nicht nur auf Facebook und Co hecheln wir ihr hinterher. Indem er seinen Nobelpreis ignoriert, könnte Bob Dylan daher einen Trend gesetzt haben.

 

Likes, Follower oder Page Impressions: Die Währung Aufmerksamkeit wird im digitalen Zeitalter in vielen Münzen ausgezahlt. Aufzufallen schmeichelt nicht nur der Seele. Etwa auf Youtube lässt sich damit richtiges Geld verdienen – und das nicht zu wenig.

Die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit ist aber kein rein digitales Phänomen. Wer mit laut vernehmbarer Bum-Bum-Bum-Gedröhne in der Bahn sitzt oder durch die Gegend läuft, tut dies nicht, weil ihn die Liebe zur Musik seine Manieren vergessen lässt. Oder um den Komponisten zu ehren, der so viel besser ist als der Loser, der Bum-Bam-Bum komponiert hat.

Junge Menschen, die einem entsprechend auf der Straße entgegenkommen, wollen sagen: Schau her, ich kann Musik laut abspielen lassen. Schau her, ich habe so einen coolen Geschmack, das macht auch mich cool. Aber vor allem: Schau her, mich gibt’s – mich gibt’s wirklich. Der Gesichtsausdruck bekräftigt genau diese Botschaft.

Die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit lässt sich erklären. Zum einen durch den hohen Wert, den sie im digitalen Zeitalter genießt. Zum anderen aber auch als Reaktion auf die Gesellschaft. Die kannte früher Honorationen. Jemand hat als etwas gegolten, weil er etwas war: Apotheker, Lehrer oder Schmied. Und selbst ungelernte Arbeiter konnte in der Gemeinschaft das Wirtschaftsleben lahmlegen und einen Streik mit dem Gefühl verlassen: „Ohne mich geht es nicht.“

8 Milliarden Menschen auf der Welt, Hoch-Automatisierung und demnächst Hoch-Digitalisierung – kaum einer kann sich mehr einreden, dass es ohne ihn nicht ginge. Entsprechend wird das Heischen um Aufmerksamkeit eher zu- als abnehmen.

Umso erfrischender ist die Ignoranz, die Bob Dylan dem Literatur-Nobelpreis entgegenbringt, den er erhalten hat, nachdem das seine Fans über Jahrzehnte immer wieder gefordert haben. Für Wissenschaftler ist der Nobelpreis Lebensziel, für Politiker ein Politikum und für Literaten nicht selten erst der Durchbruch hin zu Lesermassen. Entsprechend wichtig ist der Preis für sie. Und das gekonnt wie routiniert durchgeführte Mediengetöse hat das seine Getan, dem Preis Bedeutung zu verleihen.

Aber für Bob Dylan? Für ihn ist die Verleihung nicht bedeutend. Geld? Für zwei Steaks am Tag wird es auch so bei ihm reichen. Ruhm? Auch ohne den Nobelpreis wird Dylan in 100 Jahren noch gekannt werden. Und falls nicht wird ihn der Preis nicht davor retten. Die Liste der Literatur-Nobelpreisträger, die heute nicht mehr verlegt werden, ist lang.

Ja. Dylans Verhalten ist arrogant. Entsprechend hart – und ätzend – fallen manche Kommentare in den sozialen Netzwerken aus. Denn nichts ist den Facebook-Kommentierern so suspekt wie Arroganz – ist sie doch nichts anderes als Ignoranz eines Menschen, der sich das auch noch leisten kann. Und ignoriert zu werden, ist das Schlimmste, was einem Facebook-Kommentierer passieren kann.