Reden wir darüber

Die Vertrauenskrise zwischen Politik und Bürgern ist auch und vor allem eine Sprachkrise. Wenn beide Seiten in der Kommunikation wieder mehr Rücksicht auf die jeweils andere nehmen – würden sie auch wieder zusammenfinden.

„Globalisierungsverlierer“ wollte die CDU wieder mehr berücksichtigen, kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen mit ihrer erneuten Kandidatur an. In dem einen Wort steckt alles drin, was die Vertrauenskrise zwischen Politik und Bürgern ausmacht.

Zum einen die unpräzise Erkenntnis des Senders. Wer glaubt, es genüge die Globalisierungsverlierer zu bedienen, um den Vormarsch der Populisten zu stoppen, verkennt, dass Arbeits- und Perspektivlosigkeit nur ein Grund für diesen ist. Andere sind: Mängel in der inneren Sicherheit, Ungerechtigkeiten in der Justiz, Wohnungsnot in den Ballungszentren, ungleiche Belastungen der verschiedenen Einkommensschichten und -Gruppen oder die finanziellen Belastungen des Staates durch Vergünstigungen für den Finanzmarkt mit der Folge, dass staatliche Leistungen gestrichen werden – wobei die Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit stellt.

Die einen stört das eine, die anderen das andere – für die meisten dürfte es das Gesamtbild sein. Während solche ernsten Themen öffentlich kaum bearbeitet werden, bestimmen abstrakte Debatten die Agenda: Burkaverbot, öffentliche Toiletten für sexuell Unentschlossene, die Probleme um den BER, das Gender-Sternchen oder der Klimawandel. Vor allem letzteres zeigt, dass es nicht bedeutet, dass ein Thema unwichtig ist, weil es abstrakt ist. Will die Politik aber Menschen erreichen, muss sie Themen aufgreifen, die diese bewegen – ohne die anderen liegen zu lassen.

Zum anderen demonstriert das Wort „Globalisierungsverlierer“ Geringschätzung. Rechnet man die Nicht-Wähler dazu, kommen Union, SPD, Grüne, Linke und FDP in manchen Wahlen nicht einmal mehr zusammen auf die Hälfte der Stimmen – diese Mehrheit alle unter „Globalisierungsverlierer“ zusammenzufassen, ist schlicht arrogant. Hier reden Menschen, die ihre Peergroup nicht mehr verlassen – und alles außerhalb dieser Gruppe für Probleme halten. Bestenfalls. Mancher wird wahrscheinlich an Pöbel denken.

Das hat die CDU weiß Gott nicht exklusiv. Auf Facebook hatte ich eine Debatte mit einem Mitarbeiter der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei. Der hielt mir die Hartz-IV-Empfänger vor, die in meiner Stammkneipe Zum Schorsch verkehrten. Anlass war das Essen im Weinkeller der Staatskanzlei.

Sein Vorwurf sagt mehr über Mitarbeiter der politischen Verwaltung aus, als über den Schorsch. Einen Hartz-IV-Empfänger habe ich dort noch nicht kennengelernt. Beim Schorsch verkehren LKW-Fahrer, Hafenmitarbeiter, Autoschlosser, Malermeister, Müllmänner, Bauarbeiter, Elektriker oder Kranfahrer. Menschen, die so gut wie nie arbeitslos waren und sich keine Sorgen machen müssen, ob sie das Geld, das am Ende des Monats übrig bleibt, verkonsumieren oder in die Altersvorsorge stecken – denn obwohl sie hart arbeiten, bleibt kein Geld übrig.

Genau diese Menschen sind es, die tief in der Vertrauenskrise stecken. Die Schuld der Politik ist oben beschrieben. Aber auch sie, die Bürger, die Empfänger in der politischen Kommunikation, trifft Schuld. Klar, „die Politik“ muss um die Menschen werben. Genau so müssen sich aber die Bürger die Fragen stellen, was denn kommt, wenn „die Politik“ nicht mehr da ist?

Auch die Bürger würden die Lage verbessern, wenn sie an ihrer Sprache arbeiten. Etwa wenn sie nicht mehr von „den Politikern“ sprechen würden. Ein Beispiel: Ich durfte dabei sein, als Gegner des Speyerer Flugplatzausbaus eine grüne Bundestagsabgeordnete beschimpften, die zu ihrer Versammlung gekommen war, um ihnen zuzuhören, dass keine Politiker zu ihnen in die Versammlung kämen, um ihnen zuzuhören.

Präzise Sprache differenziert. Das sollten beide Seiten tun. Einmal sei noch erwähnt, was für den ganzen Text gilt: Die Vertrauenskrise ist auch eine Medienkrise. Und Journalisten sollten sich auch schleunigst Gedanken über das Thema Sprache machen – aber, um es mit Billy Wilder zu sagen: „Das ist eine ganz andere Geschichte.“ 

Über das Thema Sprache und Politik habe ich mich in einem Video-Podcast mit der grünen Landtagsabgeordneten Eveline Lemke unterhalten.