Hol Dir Dein Facebook zurück

Bei Facebook habe ich angefangen, Leute zu blocken. Eine restriktive Maßnahme? Im Gegenteil. Ein Schritt zurück zu mehr Freiheit.


Es war eine Frau. Eine Kollegin. Auf einem langweiligen Job habe ich 2003 nachmittags ihren Namen gegoogelt – mit wenigen Ergebnissen. Spannend war lediglich, dass sie Mitglied in Open BC war. Um es abzukürzen: Kurz darauf bin ich selber dem Vorläufer von Xing beigetreten, meinem ersten sozialen Netzwerk. Es waren schöne Zeiten. In einer der Gruppen haben Mitglieder ihre Gedichte gepostet. 200 Klicks waren schon ein riesiger Erfolg.
Wie viele Kontakte ich bei Xing hatte, weiß ich nicht mehr. Zumal ich bald darauf eine Praktikantin kennenlernte, die bei StudiVZ war. Ich folgte ihr – auch ins Netzwerk. Dort gefielen mir besonders die Gruppen. Sie trugen Namen wie „Lederstiefel und Jeans – ich seh hier nirgends Heu“ oder „Du bist hier nicht auf Youporn, du Rummelhure“.
Ich selber gründete die Gruppe „Läuft der Porno auf Arte, dann ist es Kunst“. Darin wies ich die 350 Gruppenmitglieder auf Sendetermine von Filmen hin, die zum Titel passten. Mehr passierte in der Gruppe nicht. Es war ein Spaß. Als ich am 22. Juli 2007 Harry Potter and the Deathly Hallows gelesen hatte, bin ich als Erstes in die Spoiler-Gruppe gegangen, um dort die Lektüre zu diskutieren. Bei StudiVZ hatte ich zu Glanzzeiten 120 Kontakte.
Zeitgleich kamen dann Facebook und Wer kennt Wen. Letzteres war das erste Netzwerk, in dem ich nicht nur studierte Menschen traf, sondern auch welche aus meinem Dorf oder von meinen Schulen. Ich kam auf über 500 Kontakte. Im privaten Umfeld war WKW ergebnisreich: Der harte Kern aus meiner alten Stammkneipe beschloss auf WKW, sich wieder zu treffen.
Facebook dümpelte bei mir lange rum. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich eingetreten bin. Nur dass ich Ende 2008 erst 13 Kontakte und insgesamt drei Posts geschrieben hatte. 2009 bekam ich Spaß daran, mit Facebook zu spielen. Richtig Spaß. Anders als bei WKW gab es hier einen Marktplatz – Raum zum Kommunizieren, zum Experimentieren. Es war die beste Zeit auf sozialen Netzwerken.
Über Facebook habe ich zum Erstellen von Listen aufgerufen. Ich erinnere mich an die zehn besten Hexen in Filmen. Die Interaktion war großartig. Zumal in Folge des Geschehens mehr als nur Ideen geboren wurden. Irgendwann hatte ich 2009 meinen 100. Kontakt auf Facebook.
Damals – im guten, alten 2009 – habe wir zusammen auch nach der besten Hure im Film gesucht. Das ging. Ohne dass wer das diskriminierende Wort Hure beklagt hat. Ohne dass einer auf den darunter liegenden Sexismus aufmerksam gemacht hat. Ohne dass jemand einen Beitrag über Zwangsprostitution in die Timeline gepostet hat. Und ohne dass mich jemand bei meinem Chef angeschwärzt hat – das ist mir 2014 passiert, als ich mir erlaubte einen Beitrag zu teilen, in dem sich jemand über die nervenden Chici-Mütter der Berliner Jute-Szene lustig machte.
Hans Magnus Enzensberger hat in „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ davor gewarnt, die Menschen nicht zu überfordern. Jeder verfüge nur über ein begrenztes Gefühlskonto, von dem er Mitleid mit dem Leid dieser Welt bestreiten kann. Ist das erschöpft, brauche er Ruhezonen, in denen er mit Freude, Entspannung und (auch boshaftem) Humor wieder auflade.
Auf Facebook sind mittlerweile die in der Mehrheit, die diese Ruhezonen nicht mehr gewähren. Die meinen, jeder müsse jedes Leid dieser Welt teilen. Ohne Prioritäten. Alles ist das Schlimmste. Den deutlichsten Ausdruck findet diese Haltung in den saudummen Posts a la: „Warum wird über XXX nicht so getrauert wie über YYY?“ Das ist eine Nötigung zur Trauer, die überfordert – die überfordern muss.
Ich habe angefangen, diesen Schlag Menschen zu blocken. Mit welcher Berechtigung ich das tue? Darf man noch Clintons zitieren? Das ist sogar gewünscht? Fein. Dann, Bill: „Weil ich’s kann.“ Bald werde ich ein Experiment wagen: Ich werde wieder die beste Hure im Film suchen lassen. Wenn dann keiner was von Sexismus schreibt, ist die Operation geglückt.