Lob der Filterblase

Die Filterblase im Internet und vor allem in den sozialen Netzwerken hat einen schlechten Ruf. Eigentlich zu Unrecht. Sich nicht mit Deppen abgeben zu wollen, ist eine bewährte Tradition.

 

Aussagen über die sozialen Netzwerke leiden unter einem Grundfehler: Sie werden nicht in Relation mit der realen Welt gesetzt. Nehmen wir ein gängiges Beispiel: Auf Facebook bekommen Nutzer nur noch die Nachrichten geboten, die in ihr Weltbild passen. Dadurch wird dieses bestärkt, sie lehnen Gegenargumente ab und werden verbohrt.

Nun denken vermutlich die meisten: Aber so ist es doch auch. Und es stimmt. Genau so wirkt die Filterblase auf Facebook. Nur wie war es denn früher? Im analogen Zeitalter? Wie breit war denn das Informations-Spektrum eines Waldarbeiters im Bayerischen Wald? Eines Erntehelfers in Niedersachsen? Oder eines Kumpels in Gelsenkirchen?

Auch vor Facebook haben die Menschen schon dazu geneigt, sich in Soziokulturen einzunisten, die ihnen gefallen haben. Für den Gelsenkirchener Kumpel waren das nicht die Politikstudenten an der Bochumer Uni. Es waren die Kumpel in der Eckkneipe, welche die gleichen Erfahrungen hatten und die so gedacht haben wie sie selbst. Das Bestärken von Weltbildern war im Prä-Facebook-Zeitalter eher stärker ausgeprägt, als es heute ist.

Die Streitereien kommen nur mittelbar daher, dass Menschen sich nicht treffen wollen. Unmittelbar rühren sie daher, dass sie sich dank Facebook und Co nun trotzdem treffen.

Auf Facebook kann ich theoretisch mit allen Kontakt aufnehmen und über einen offenen Account können alle meine Beiträge verfolgen und alle können sie kommentieren. Das hört sich erst mal verlockend an. Nur ist die Schnittmenge zwischen „alle“ und „Volldeppen“ recht groß – auch das ist in der realen Welt traditionell ebenso.

An einem politischen Beispiel kann ich das nicht deutlich machen. Wer versucht Meta-Trends an politischen Themen zu verdeutlichen, stößt schnell auf einen Reflex, der sich auf das Thema bezieht. Wer beispielsweise den Satz schreiben würde: „Umweltschutz ist wichtig, aber die Vorschläge dazu sind undifferenziert.“ Würde bestenfalls als Reaktion erhalten: Ja aber Umweltschutz ist doch wichtig. Schlimmstenfalls: Umweltschutz ist wichtig oder machst du jetzt einen auf Trump.

Wenn jemand so reagiert, gibt es zwei Möglichkeiten: Er will den anderen missverstehen, um politisch zu agitieren. Oder er ist dumm. Egal was zutrifft – mit beidem will man nicht die wertvolle Freizeit verbringen.

Mein Beispiel wähle ich aus einem unpolitischen Kontext. In meiner Stammkneipe fragte ein Gast reihum die anderen Stammgäste: „Die Norton-Bank hat mir eine Mail geschrieben, ich solle Geld überweisen – aber ich habe doch gar kein Konto bei der Norton-Bank.“

Wir haben ihm erklärt, was eine Spam ist und dass das eine Spam ist. Wir haben ihm von Daten-Pishing erzählt. Wir haben ihn gewarnt, auf den Betrug reinzufallen. Auf allen erdenklichen Sprachniveaus. Wäre ein Walldorf-Schüler unter uns gewesen, hätten wir es ihm auch noch vorgetanzt. Seine Antwort war stets die gleich: „Aber ich habe doch gar kein Konto bei der Norton-Bank.“

Letztlich haben wir ihm verboten, das Thema Norton-Bank anzusprechen. War das nett? Nein. War das gewaltfreier Dialog? Sicher nicht. Haben wir uns geweigert, uns jemandem zu öffnen, der einen anderen Resonanzboden hat als wir? Aber hallo. Und war das schlecht? Nein, natürlich nicht.

Freizeit ist rar. Und es spricht viel dagegen, sie mit jemandem zu verbringen, der etwas nicht verstehen kann oder will. Altruistisch ist das falsch. Egoistisch ist es richtig.

Aussagen zu Facebook sollten immer in Relation zum realen Leben stehen. So wenig, wie ich mir einen Deppen zum Abendessen einladen würde oder mich auch nur in der Stammkneipe zu jemandem stelle, der ödes oder dummes Zeug brabbelt, so wenig, verhalte ich mich so auf Facebook.

Wer Deppen ausweichen will, dem bleiben auf Facebook zwei Möglichkeiten: Den Account durch Einstellungen der Privatssphäre schützen oder in einem offenen Account die sperren, die nerven. Das schafft eine Filterblase, schützt aber auch die Freizeit.

Wie meinen? Ja, Filterblasen sind furchtbar. Und ja, Umweltschutz ist wichtig. Nein, ich bin kein Trump-Anhänger, ich habe nur… ach so, ich wollte ja solche Kommentatoren wegblocken.