Deutsche Sehnsüchte


Journalisten und soziale Netzwerker arbeiten sich am amerikanischen Präsidenten Donald Trump ab. Was in Form von erbitterter Kritik daherkommt, ist eigentlich ein Akt der emotionalen Selbstbefriedung. Denn Trump erfüllt den Deutschen zwei alte Sehnsüchte.

Es gibt mehrere Vereine und Initiativen zum „Erhalt der deutschen Sprache“. An diesem Engagement beteiligen sich auch Menschen, die politisch derart orientiert sind, dass ihnen der Begriff des Deutschen sonst arge Magengeschwüre bereitet.

Nun ist der Versuch, etwas Fließendes wie die Sprache zur Statik verpflichten zu wollen, per se absurd und zum Scheitern verurteilt.  Aber was auffällt, ist, dass es nie darum geht, Wörter aus dem Französischen, Italienischen oder Skandinavischen aus der deutschen Sprache fernzuhalten oder Wörter aus dem Latein oder Griechischen zu entfernen.  Es geht um’s Englische – eigentlich ums Amerikanische.

Die Vorbehalte gegen Anglizismen sind politischer Revanchismus. Denn die Deutschen – auch die Antideutschen - leiden unter zwei Niederlagen: Zum einen der faktischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Und zum anderen der moralischen Niederlage des Holocausts.  Schon Hannah Arendts hat gewusst: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“

Nach 1968 haben die Deutschen viel getan, um ihre Schuld zu sühnen: Sie sind zum Streber in Sachen Pazifismus geworden. Die grüne Idee ist von deutschem Boden ausgegangen. Und auch die Political-Correctness wird so stark betrieben wie in wenig anderen Ländern. Wir sind derzeit sogar bereit, die Meinungsfreiheit der Korrektheit willen gesetzlich einzuschränken.

Katholiken wissen, dass es gesund ist, Sünden als Folge tätiger Reue zu verzeihen.  Doch um die Absolution zu akzeptieren, sind die Deutschen zu neurotisch. Weder verzeihen sie den Juden den Holocaust, noch lassen sie ihn sich von anderen verzeihen. Stattdessen spielen sie Schwarzer Peter und suchen permanent nach dem „neuen Hitler“, um an den die Schuld weiterzuschieben.

In Trump scheinen sie den Schwarzen Peter gefunden zu haben. Neutral gesehen hat der Mann die staatliche Gesundheitsförderung abgeschafft, Waffen an Saudi-Arabien verkauft, Nordkorea bombardiert und die amerikanische Klimaschutzpolitik beendet. Zugegeben: Schön ist das alles nicht. Objektiv betrachtet kommt das aber nicht ganz an die Bilanz Hitlers ran. Doch vor allem für die deutsche Grün-Linke gilt: Wer aus einem Klimaabkommen aussteigt, frisst auch Kinder und wer Fleisch isst, ist ohnehin ein Faschist.

Das deutsche Leitmedium Spiegel  rückt den Zustand der amerikanischen Regierung in die Nähe des Faschismus: „Ist das schon Faschismus“, „Wie seine Wahl die Demokratie gefährdet“ oder „Der Faschismustest“ lauten drei willkürlich ausgesuchte Überschriften. Das ist so polemisch, wie es falsch ist: Gerade gegen Trump hat sich die amerikanische Gewaltenteilung, die Mutter aller Gewaltenteilungen, bewährt: Richter haben seinen „Talibann“ gebremst, Parlamente und Administration haben ihn zum Nachgeben in seiner Russland-Nato-Politik gezwungen.

Die USA mögen einem Präsidenten gewählt haben, der der deutschen Mehrheitsmeinung widerstrebt. Ihre Demokratie zeigt sich aber als so gut funktionierend wie lange nicht mehr. Deswegen ist die Kritik des Schülers am Lehrmeister peinlich. Zumal der Schüler derzeit mit mehreren Gesetzen, Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung bei sich selbst einschränkt – ohne dass die deutschen Trump-Gegner Sturm laufen.

In den Umfragen hat Kanzlerin Angela Merkel einen Swing gemacht: Galt sie im März noch als lahme Ente, die den Schulz-Hype ermöglichte, war sie im April als Wahl-Lokomotive so erfolgreich wie selten in ihrer nun schon zwölf Jahre währenden Amtszeit. Denn sie erfüllt die zweite deutsche Sehnsucht: nämlich die Welt zu führen. Trumps Vorgänger Barack Obama ernannte Merkel zur „Leader of the free world“. Es wäre polemisch, dies mit „Führer der freien Welt zu übersetzen.

In ihrer Außenpolitik hat Merkel die deutsche Presse hinter sich, inklusive der großen Zahl an Journalisten, die mit Rot-Grün sympathisieren. Gerade beim Umgang mit Griechenland rücken Aspekte in den Hintergrund wie der Nutzen, den vor allem die Investmentbanken von den Griechenland-Rettungen haben – oder der Wertverlust, den die Nullzinspolitik für die Sparer bringt. Stattdessen beteiligen sich auch Qualitätsmedien am Griechen-Bashing.

Den eigentlich führenden Nationen gegenüber sind wir Deutschen kritisch geworden. Zuerst Russland und jetzt die USA sind Schurkenstaaten– zumindest in der öffentlichen Darstellung und in den sozialen Netzwerken. Eigentlich sollten wir zu diesen beiden Schurken den Kontakt ganz abbrechen. Für untergeordnete Staaten wie die Brexit-Britten, die Türkei oder Saudi-Arabien gilt natürlich das Gleiche. Wirtschafts-Beziehungen, Verteidigungs-Strategien, Geheimdienst-Zusammenarbeit – das zählt alles weniger als das moralische Bewusstsein der deutschen SUV-Linken.

Denn noch viel mehr als die Rechten wollen die Wohlstands-Linken die Welt führen. Aber natürlich nur die freie Welt. Die moralisch korrekte. Ihr aktueller Schlager lautet: Europa stärken. Aber nur das ohne die Briten und selbstverständlich ohne die Ungarn und die Polen… Für eine moralische Führungsmacht stehen wir recht allein da.