Die digitale Sau

Jetzt also Peter Tauber. Wobei: Dieser Text muss erst geschrieben werden, Korrektur gelesen und auf die Seite gestellt werden. Daher kann es sein, dass zwischenzeitlich die Sau schon einen anderen Namen trägt, die gerade durchs digitale Dorf getrieben wird.

 

 

Zwischenzeitlich hieß die Sau Tom Bartels. Der ARD-Kommentator meinte, der deutsche Verteidiger Antonio Rüdiger solle nicht „den Affen machen“ und ein vergleichsweise harmloses Foul nutzen, um eine Verletzung vorzutäuschen und somit Zeit zu schinden.

 

Affe? Ein Fußballer mit schwarzer Haut? Rassismus! Und los geht’s: Tom Bartels hat einen schwarzen Fußballer Affen genannt, hagelte es auf Twitter und Facebook. Zuschauer riefen an. Der Shitstorm auf Twitter und Facebook wurde noch intensiver. Sodass sich Bartels noch während der Partie – hörbar irritiert – für seine Äußerung entschuldigte. Was wiederum einen zweiten Shitstorm auslöste. Einen gegen die Politische Korrektheit. Auf den gleichen Kanälen.

 

Ein Fakt: „Sich zum Affen machen“ ist eine vom Duden registrierte Redewendung. Auch ihre Schreibweise im Trennungsfall ist geregelt. Ein anderer Fakt: Sogar die Regelkommission der Fifa beschäftigt sich schon mit der Unsitte, leichte Fouls zu theatralischen Inszenierungen zu nutzen. Und letztlich gibt es noch die Metaebene: Wer zwischen der Hautfarbe eines Spielers und dem Wort Affe einen Bezug unterstellt, ist letztlich selbst der, der diesen Bezug herstellt und somit ein rassistisches Topos kreiert oder weiter transportiert.

 

Doch bis dieser Gedanke zu Ende gedacht und aufgeschrieben ist, ist der Shitstorm schon wieder vorbei – und tobt über einem anderen Haus, etwa dem von Peter Tauber. Dem wurde auf Twitter von einem Nutzer vorgeworfen, dass er von drei Minijobs abhängig sei, worauf Tauber erwiderte, der Nutzer hätte dies nicht nötig, hätte er eine gute Ausbildung genossen.

 

Das ist nicht nett von Tauber. Das zeigt auch, dass er sich als Politiker nicht als Dienstleister versteht und selber wohl nicht so viel vom Wert der Arbeit von Minijobbern hält. Das ist alles für einen Politiker nicht sonderlich gut. Aber ein Skandal? Wenn es nach Twitter, Facebook und linken Kommentatoren geht: ja. Obwohl von den Grünen bis zur CSU, vom DGB bis zum Arbeitgeberverband seit Jahren jeder den Zusammenhang zwischen Bildung und beruflichem Erfolg predigt.

 

Bartels und Tauber sind nur die Säue der vergangenen Tage. Das virtuelle Dorf findet nahezu täglich neue. Und bietet sich mal keiner an, taugt Donald Trump als Lückenbüßersau für die, die ihr Empörungspotential abbauen müssen. Und das ist ein wichtiges Bedürfnis.

 

Es lohnt sich, sich 2000 Seiten lang durch „Krieg und Frieden“ zu schlagen. Denn ganz weit hinten schreibt Leo Tolstoi über eine alte Frau, die sich über alles möglich aufregt, weil der Aufregungsapparat noch voll in Takt sei, ihr aber die Anlässe dazu fehlten – also suche sie sich.

 

Menschen mit zu viel Tagesfreizeit, haben sich in analogen Zeiten damit beholfen, Falschparker zu melden oder über Nachbarn Urteile zu fällen. Die digitale Empörungskultur ist im Prinzip nichts anderes – nur sichtbarer.

 

Und die digitale Empörungskultur vergiftet das politische Klima. Unterbeschäftigte Menschen, die Falschparker meldeten, waren gesellschaftlich nie hoch angesehen, sondern wurden sogar von den Ordnungsämtern eben als unterbeschäftigte Menschen wahrgenommen.

 

Die Empörungswellen auf Twitter und Facebook sind noch angesehen genug, es bis in die Kommentare der klassischen Medien zu schaffen. Zumindest wenn sie in die politische Ausrichtung des jeweiligen Kommentators passen. Denn das zu Skandalen aufgepeitschte Empörungswellen immer öfters sachpolitische Debatten verdrängen, ist der eigentliche Skandal.

 

PS.: Weil ich Bartels und Tauber als Säue bezeichnet habe – wenn auch durchaus in metaphorischer Absicht – rechne ich selber mit einem Shitstorm.