Ordentlich gejubelt

Der Wahlabend hat alles, was großes Theater braucht: den strahlenden Helden Klaus Wowereit, den tragischen Verlierer Philipp Rösler und der bunte Farbtupfer der Piraten. Was das Publikum aber am allermeisten mag: die Verlässlichkeit der Rituale.

Simpsons-Schöpfer Matt Groening hat die Formel auf den Punkt gebracht: Das Wichtigste einer guten Serie ist, dass am Ende alles so ist wie zuvor. Das Prinzip gilt auch für Wahlabende. Und ob der erstmalige Einzug der Piraten in ein Landesparlament nun „historisch“ ist oder nicht… vollkommen egal. So lange der Zuschauer am Ende gesehen, was er erwartet hat.

Das Vorspiel: In der Regel um 17.30 Uhr gehen ARD und ZDF auf Sendung. Streng genommen dürfen sie außer über die Tendenz der Wahlbeteiligung hier eigentlich noch nicht über das Ergebnis sprechen – um Beeinflussungen zu vermeiden. Aber in Wirklichkeit sind die Prognosen vor der Wahl so nahe an der am Wahlabend, wie diese der Hochrechung und letztlich dem Endergebnis sind, sodass diese eherne Regel kaum noch eine Rolle spielt.

Anders als die Experten und Moderatoren. Die wissen schon ab 17 Uhr von der neuesten Prognose. Und wer gut im Krimimörderraten ist, der findet auch in dem Vorgeplänkel mit den Experten raus, wie’s ausgegangen ist. Zumal wenn die Fachleute gepolt sind wie Helmut Marktwort. Der sagt in seinen Analysen eh nie etwas, was nicht andere schon gesagt hat.

Um 18 Uhr kommt dann die Prognose und danach folgen zwei Minuten lang weitere Tabellen. Danach geht’s zu den Reaktionen. Die siegende Partei jubelt, die verlierende nicht. Das verblüfft wohl niemanden, aber darum geht’s ja laut Matt Groening auch nicht. Die zwei Minuten für die Tabellen haben im Übrigen eine wichtige Funktion. Wenn eine siegende Partei nicht ordentlich gejubelt hat, gibt ihnen das TV-Team noch mal die Chance nachzujubeln.

Die Politikerrunde lebt von der Qualität der Protagonisten. Gut für die Sender, wenn so ein eins A Verlierergesicht wie das von Philipp Rösler eins auf den Deckel bekommen hat. Das bedient Häme, ein ganz wichtiger Faktor in der Unterhaltung. Auch wenn die Experten dann nur vorbereitete Sprachregelungen runter nudeln wie: „Wir können nicht schon am Wahlabend eine fertige Analyse liefern.“ Die Sieger- und Verliererposen der Spitzenkandidaten sind hingegen nur selten der Bringer. Kaum einer versteht heute noch die Kunst des Kindhochhaltens oder Hübschefraudrücken. Gegeben wird Heldentheater, allerdings auf dem Niveau des Horchheimer Scheunenstadels.

Gute Wahlabende kennen tragische Momente, etwa wenn Edmund Stoiber sich schon als Kanzler feiern lässt und dann am Ende doch gratulieren muss. Genau so gibt es lustige Momente, etwa wenn Edmund Stoiber sich schon als Kanzler feiern lässt und dann am Ende doch gratulieren muss. So oder so. Nie fehlt eine Zweitliga-Moderatorin, die Sätze sagt wie: „Es war ein Abend voller Emotionen, es war eine emotionale Achterbahn.“

Zu Zeiten von Kohl, Strauß und Brandt kam dann mit der Elefantenrunde der Höhepunkt des Wahlabends. Doch setzen da mittlerweile der Dings, die Bums, na sie wissen schon die, die gerade ein Kind gekriegt hat und dann auch noch der von der CSU, der mit dem Schnurbart oder war’s ein Schmiss im Gesicht. Na jedenfalls hat er einen bayerischen Dialekt oder fränkischen.

In die Bresche ist die Talkshow gesprungen. Dort sitzen die Entertainer, denn Dings und Bums lassen die Redaktionen nicht rein. Wenn’s gut läuft, pöbelt der Rösler aufs Neue gegen die Euro-Rettung. Wenn’s schlecht läuft, hat er so auf die Nase bekommen, dass er nichts mehr sagt und stattdessen referiert ein Börsenmakler übers Börsenmäkeln, worauf die Gedanken schon mal Richtung Zähneputzen schweifen. Moderiert wird das mittlerweile von Günther Jauch. Auch wenn’s Matt Groening nicht gefällt: Manchmal ändert sich halt doch etwas.