Kein Selbstbewusstsein

Die CD stirbt. Ihre Verkaufszahlen gehen zurück. Vor allem bei den Jüngeren haben Streamingdienste sie verdrängt. Doch anders als seiner zeit bei der Vinyl-Platte gibt es niemanden, der die CD verteidigt oder ihr vielleicht sogar ein Comeback verschaffen wird – das sagt auch viel über die Generation CD aus.

 

 

Nichts an den 70er Jahren ist so peinlich wie die Angst vor der Zukunft. In den Filmen dieser Zeit sitzt der kommende Mensch in kalten Plastiklandschaften und stiert apathisch ins Leere. Die Wirtschaftskrise der frühen 80er Jahre brachte dann umso mehr Depression in die allgemeine Gemütslage. Wer in der Zeit groß geworden ist, hat nicht geglaubt 80 Jahre alt zu werden. Er war sich nur nicht sicher, ob er in der Klimakatastrophe sterben wird – oder ob ihm der Atomkrieg zuvor kommt.

 

In genau diese Zeit platzte die Compact Disc. 1982 wurde sie eingeführt. In der Mitte der 80er Jahre verdrängte sie allmählich die Vinyl-Platte. Ein Zeitenwechsel gleich an mehreren Stellen:

 

Statt systemkritischen, gebrochenen Helden prägten optimistische Superhelden das Hollywood-Kino.

 

Die zuvor skeptisch betrachtete Steuerpolitik von Reagan, Thatcher und Kohl führte zur wirtschaftlichen Blüte.

 

Statt dem Weltuntergang brachte die Aufrüstung den Untergang des Kommunismus und den Fall der Berliner Mauer.

 

Und elektronischer Pop a la Modern Talking oder bunter Poserrock wie der von Bon Jovi lösten depressiven Bombast-Rock als zeitprägende Musik ab.

 

Die CD war gleichermaßen Folge und Ursache dieser Tendenzen. Sie war all das, was das Yuppie-Zeitalter auch war: Kalt und gefühllos, aber sie hat auch funktioniert. Wer die 70er und die Hippies idealisierte, beklagte das fehlende Rauschen der CD und bemängelte ihren sterilen Sound. Wer an die Zukunft glaubte, der feierte, dass die Platte nicht mehr sprang und beide Seiten einer LP am Stück gehört werden konnten.

 

Die CD brachte auch mehr Freiheit. Vinylplatten zwangen zum analogen Hören. Bessere CD-Player erlaubten die Programmierung einer eigenen Songreihenfolge oder boten eine Shuffle-Funktion. Auf der CD-Version des Beatles-Klassikers „Sgt. Pepper“ erschien ein Hinweis, die Musik solle in der ursprünglich angelegten Reihenfolge gehört werden.

 

Doch die CD-Generation wusste den Fortschritt nicht zu würdigen. Während unmittelbar mit dem beginnenden CD-Zeitalter eine Vinyl-Nostalgie einsetzte, bildete sich zur Compact Disc nie etwas wie Herzenswärme. Dass sie nun von den Streaming-Diensten abgelöst wird, verlangt der CD-Generation nicht einmal ein Achselzucken ab.

 

Das liegt nicht nur an dem unterkühlten Verhältnis zu dem Tonträger. Es ist vielmehr das Identitätsbewusstsein, das den in den 80ern groß Gewordenen fehlt. Sie sind die, die nach den Babyboomern gekommen sind. Die sich die langweiligen Geschichten der großen Brüder und jungen Onkeln anhören mussten. Und denen das Selbstvertrauen fehlte, diese als langweilige Geschichten abzutun. Die 80er glaubten wirklich, dass die 68er die größte Generation aller Zeiten war.

 

Die 80er ließen sich von den Vorgängergenerationen was vormachen. Und sie ließen sich von den Babyboomern politisch ausbooten. Um nicht zu sagen: verarschen!

 

In den 70er Jahren begann sich die Lohnschraube zu drehen. Zweistellige Tarifabschlüsse waren üblich. Als die 80er-Generation in die Firmen kam, waren die Lohnkosten so hoch, dass die Unternehmen diese nicht mehr zahlen konnten.

 

Die Lösung: die Aufweichung der Tarifeinheit. In den gleichen Firmen saßen nun vollbezahlte 68er und schlecht bezahlte 80er. Die 80er müssen die Sozialkassen sanieren, also die Kosten der Vorgängergeneration zahlen, gleichzeitig müssen sie massive Abstriche auf ihre Rente hinnehmen – und noch gravierendere Abstriche befürchten. Den Babyboomern steht der volle Rentenanspruch zu auf ihre überhöhten Gehälter.

 

Soziale Ungerechtigkeit ist das Schlimmste, was es für einen 68er gibt. Aber mit sozialer Ungerechtigkeit kann er ganz gut leben, wenn er selbst davon profitiert. Die Bigotterie ist ein Lied, von dem der 68er eine Platte aufnehmen könnte – es wäre eine, die rauscht und springt.