Der TV-Spielfilm-Blues

Liebe TV Spielfilm, wir müssen reden. Keine Angst, nichts Schlimmes. Ich will nur mal quatschen.

 

Über alte Zeiten. Als wir uns kennengelernt haben und so. Ich war 16 und auf einem Rosenmontagszug – verabredet mit einer Blondine, die ich dann aber im Trubel verloren habe. Es war 1991, Handys gab es noch nicht. Also trat ich einen gedemütigt demütigenden Rückweg zu Fuß von Schmelz nach Humes an. An der Tankstelle kaufte ich mein erstes Heft von Dir – und war sofort begeistert.

Die Hörzu oder die Gong waren die Zeitschriften meiner Eltern und Großeltern. Du warst meine Fernsehzeitung. Weißt Du noch damals Dein Porträt über Winona Ryder, „Ryder’s on the storm“? Das kam zur rechten Zeit. Die Doors erlebten ein Revival, Ryder war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere – und ich stand sowas von auf sie, obwohl sie ein wenig älter ist als ich.

Wir haben viel zusammen durchgemacht, TV Spielfilm. Als ich im Homburger Exil war, ohne Fernseher, habe ich an Dir festgehalten und Du mich auf dem Laufenden gehalten – vor allem, wie es in der Lindenstraße weitergeht.

Und was haben wir zusammen gelacht. Damals, als RTL und SAT1 noch jeden Freitag Softpornos gezeigt haben. Drei mal im Jahr musstest Du 13 Kritiken zu den Folgen des Schulmädchenreports schreiben – da war manch Geiles dabei.

Und auf StudiVZ haben wir zusammen die Nachrichten von „Läuft der Porno auf Arte, dann ist es Kunst“ gefüllt. StudiVZ! Wir sind alt geworden. Beide. 

Ob ich mit Dir Schluss machen will? Nein, Du verstehst mich falsch. Ich hänge noch an Dir. Immer noch.

Klar ist manches Schlechter geworden. Aber da kannst Du ja nix für. Das Fernsehen. Ja, das ist schlechter geworden. Früher hatten ARD und ZDF noch die Rechte an allen Hollywood-Klassikern. Und Du konntest Kritiken schreiben, die zusammen genommen einen Popkultur-Kanon ergeben haben. Heute zwingen sie Dich, Wiederholungen des Pilcher-Rotzes zu kommentieren. Unter weißen Palmenkliniksegeln.

Ich weiß auch, dass Du an Auflage verloren hast. Die Zahl will ich hier gar nicht nennen. Damit langweilt man Lehrer und Pensionäre und natürlich pensionierte Lehrer. Aber solange es noch rentabel bleibt, bleibe ich bei Dir. Was für Alternativen habe ich denn? Mich auf einem YouTube-Kanal über Netflix-Angebote informieren? Hör mich doch auf. Scheiß Internet!

Du gibst Dir ja auch immer noch Mühe. Amanda Seyfried auf dem Titelbild. Sehr gut aussehende Frau. Und das mit dem Altersunterschied und dass ich sie trotzdem gut finde, damit muss ich schon selber klar kommen.

Demnächst zeigt ja Pro7maxx auch wieder dieses Football-Magazin, das dienstags immer zu einer anderen Uhrzeit kommt. Da brauche ich dann Dich. Echt. Hast Du Dir mal das Videotext-Angebot von Pro7maxx angeschaut? Furchtbar.

Nee, wir werden zusammen alt, TV Spielfilm. Vielleicht nicht in Würde. Aber mit Spaß dabei. Und bei Deiner Filmkritik zu Tschick jetzt musste ich echt an gute Zeiten denken.