Die Gefälligkeitsgeschichte

Nicht genannte Informanten sind oft die Quelle für Exklusivgeschichten. Außerdem verleihen sie dem Journalismus etwas Geheimnisvolles, einen Hauch von Verschwörung. Dabei gibt es einen einfachen Weg herauszufinden, wer hinter dem nicht genannten Informanten steckt.

 

Die legendärste unbekannte Quelle der Journalismus-Geschichte ist Deep Throat. Er assistierte den Redakteuren der Washington Post, die Watergate aufdeckten: also die systematische Bespitzelung der Demokraten durch die Administration des republikanischen US-Präsidenten Richard Nixon. Wobei er keine Informationen weitergegeben haben soll, sondern nur die Informationen bestätigt oder dementiert hat, die sich die Post-Journalisten vorher selber erworben haben.

Die Frage, wer hinter Deep Throat steckt, beschäftigte die Öffentlichkeit über Jahre immer wieder. Doch die Enthüllungsgeschichte der Washington Post ist eine Ausnahme. Nur selten decken Journalisten Missstände durch eigene, monatelange Recherchen auf. Meist haben sie jemanden, der ihnen „etwas steckt“ – ihnen also Zugang zu Informationen besorgt, die nicht oder noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Der Natur der Sache nach wird dann in den Berichten nicht erwähnt, wer ihnen diese Informationen hat zukommen lassen. Das schützt den Informanten – verleiht dem Journalisten aber auch den Nimbus des Zauberers, der Unentdecktes zum Vorschein bringt.

Wer aber wissen will, was beziehungsweise wer hinter dem Trick steckt, dem steht ein einfaches, wenn auch leicht aufwendiges Instrument zur Verfügung: Die Arbeit des Journalisten ein wenig weiter verfolgen. Denn oft revanchiert er sich für die Informationen in Form einer Gefälligkeitsgeschichte.

Gute Journalisten gehen dabei subtil vor: Sie greifen ein Thema auf, das dem Informanten am Herz liegt. Dann lassen sie ihn in dem Stück als Zitatgeber vorkommen – neben anderen. Das verschleiert, dass hinter dem Bericht nur eine Gefälligkeit steht.

Schlechte Journalisten schreiben Porträts über die Informationsgeber. Damit laufen sie nicht nur Gefahr, Insidern all zu deutlich klar zu machen, wer hinter ihrem jüngst geglückten Coups steht. Das kann auch sehr schnell peinlich werden: Wenn sie zum Beispiel einen grauen Polit-Apparatschik als Mischung aus Rocky, Mutter Theresa und Hawkins darstellen.

Die Gefälligkeitsgeschichte ist noch nicht mal das größte Übel an der gängigen Praxis. Denn hinter dem Vorgang steckt eine Systematik: Nach Außen erscheint der Journalist als unabhängig und investigativ. In Wirklichkeit läuft er Gefahr, sich zum Erfüllungsgehilfen zu machen: Greift er jede Exklusivinformation auf, die ihm der Informant gibt, lässt er diesen letztlich über die Agenda des Mediums bestimmen. Wer als Journalist also unabhängig bleiben will, muss einen schmalen Grat wandern, zwischen Informationen annehmen, aber nicht nach der Pfeife des Informanten zu tanzen.