Der Quatsch von 1932

Ist die Situation in Deutschland mit der von 1932 vergleichbar. Das hat die Tagesschau den Präsidenten des Bundestags a.D. Wolfgang Thierse im Interview gefragt. Der ist der Frage ausgewichen: Aus gutem Grund. Denn ein Vergleich wäre absurd.

 

 

Das Deutschland von 1932 hatte keine demokratische Tradition. Es kannte die Geschichte der Paulskirche, in der sich Professoren vom preußischen König und seinen Militärs über den Tisch haben ziehen lassen. Und es kannte die 13 Jahre Weimarer Republik, die geprägt waren von wirtschaftlichen Krisen und Währungsentwertungen und die (wenn auch zu unrecht) im Ruf stand, die Niederlage im Krieg und damit den „Diktatfrieden“ von Versailles verschuldet zu haben.

 

Das eine Deutschland blickt jetzt auf 69 Jahre funktionierende Demokratie zurück. Von wenigen Krisen abgesehen hat es einen nie gekannten Wohlstand erlebt. Das andere Deutschland hat eine Diktatur abgeworfen – friedlich, mit der Kraft des Wortes, ohne dass ein Schuss gefallen wäre.

 

Im Deutschland 1932 hat ein zu großer Teil der Bevölkerung nicht zur Demokratie gestanden, hat sie sogar offen abgelehnt. Zur letzten Bundestagswahl sind mehr als drei von vier wahlberechtigten Menschen gegangen. Fast zwei Drittel von ihnen wählten die drei Parteien, die seit nunmehr schon 69 Jahren die bundesrepublikanische Demokratie tragen. Rund 18 Prozent wählten zudem die Grünen oder die Linken.

 

Auch war der Deutsche 1932 im Wortsinn national: Eine Mehrheit hatte – außer im Krieg – nie das Land verlassen. Fast niemand war je auf einem anderen Kontinent gewesen. Heutzutage gibt es kaum einen Deutschen, der jünger als 69 Jahre alt ist, der nie über einen Schüleraustausch im Ausland gewesen wäre – von Pauschal- oder Individualreisen ganz zu schweigen.

 

Die Weimarer Republik war instabil: Regierungswechsel, Neuwahlen, Parlamentsauflösungen waren an der Tagesordnung: In 69 Jahren Bundesrepublik wurde der Bundestag drei mal vorzeitig aufgelöst. Jedes Mal ging die Initiative dazu von der jeweiligen Regierungsfraktion aus. Zwei mal stellte die alte Regierungsfraktion nach der Neuwahl wieder den Bundeskanzler, das andere mal blieb sie als Koalitionspartner in der Regierung. Außerdem hatte die Bundesrepublik in den letzten 36 Jahren gerade mal drei Bundeskanzler. Stabiler geht es kaum.

 

Die Polizei konnte 1932 braune und rote Schlägertrupps kaum noch in den Griff kriegen. Filmpremieren oder Parteiveranstaltungen wurden in Schlägereien aufgelöst – waren teilweise nicht mehr durchführbar. Dass SPD, CDU, FDP, Grüne oder Linke einen Parteitag in jüngster Zeit nicht abhalten konnten, ist die absolute Ausnahme: Die Grünen mussten mal einen Parteitag unterbrechen – weil ein Pazifist Joschka Fischer wegen des Balkaneinsatzes mit einem Farbbeutel abstrafte.

 

Wenn heute Parteiveranstaltungen nicht stattfinden können, sind dies in der Regel Veranstaltungen der AfD. Wobei die Polizei Lagen bisher immer in den Griff kriegt. Das gelang nach einigen Stunden jüngst in Chemnitz, das gelang nach einigen Stunden in Köln in der Silvesternacht 15/16. Zwar sollten solche temporären Kontrollverluste ganz verhindert werden – im Vergleich zu den Unruhen, die in den USA immer wieder passieren, sind die deutschen Verhältnisse stabil. Mit Weimer sind sie auf keinen Fall gleichzusetzen.

 

Die Weimarer Republik war demographisch anders strukturiert als die Bundesrepublik. Der Weltkrieg und die Grippe-Epidemie des Winters 18/19 auf der einen, geburtenstarke Jahrgänge auf der anderen Seite führten dazu, dass der Anteil der 15 bis 35 Jahre alten Männer außergewöhnlich hoch war. Das ist für eine Gesellschaft immer problematisch. Erst recht für eine Gesellschaft, die sich in einer schweren Wirtschaftskrise befindet.

 

In Folge der Alterung der Gesellschaft ist heute der Anteil der 15 bis 35 Jahre alten Männer in der Gesellschaft außergewöhnlich gering. Zumindest in der deutschen Gesellschaft, vor allem in der ohne Migrationshintergrund. Dieser Effekt ist auch dann nur schwer umkehrbar, wenn dies gewollt wäre. Es fehlt schon jetzt an potentiellen Eltern, die diese Kinder kriegen könnten. Eine ausdrücklich völkisch, deutsche Politik ist also chancenlos.

 

Die NSDAP hatte schon vor 1933 Zugang zu den Eliten des Landes: Kirchen, Generalstab, Hochfinanz und Schwerindustrie und zu jener Zeit ebenfalls wichtig: dem Adel. Vor allem die als Kriegshelden gefeierten Göring und Röhm öffneten der Hitler-Partei diese Türen.

 

Seit dem Austritt von Hans-Olaf Henkel fehlt der AfD dieser Zugang. Kirchen- und Wirtschaftsvertreter sprechen sich ausdrücklich gegen die Alternative für Deutschland aus. Der Adel – vor allem der ostelbische – spielt in der Bundesrepublik keine bedeutende Rolle mehr.

 

A propos die Wirtschaft: Diese hatte zwei Interessen an der NSDAP. Der deutsche Wohlstand der späten 20er Jahre basierte auf amerikanischen Investitionen. Als diese im Zuge der Weltwirtschaftskrise zurückgezogen wurden, kollabierte die deutsche Wirtschaft nahezu komplett. Kaum ein Land war so von der Krise betroffen wie Deutschland. Hitler versprach große Investitionsprogramme. Dabei ging es noch gar nicht mal so sehr um die sprichwörtlich gewordenen Autobahnen – sondern vor allem um Aufrüstung. Für die Wirtschaft eine verlockende Perspektive.

 

Außerdem saß 1932 Stalin in Moskau fest im Sattel. In nahezu jeder Industrienation gab es kommunistische Bewegungen und Aufstände. Eine Revolution war daher vielleicht nicht wahrscheinlich – aber auch keine irreale Gefahr. Das Nazi-Narrativ, das „Bollwerk gegen den Kommunismus“ zu sein, war daher für manchen Wirtschaftsvertreter interessant.

 

Die Wirtschaft des Jahres 2018 ist weltweit organisiert. Sowohl die Finanz- als auch die Industriewelt setzt sich für Freihandel ein. Der Zuzug junger Arbeitskräfte ist von ihnen hoch erwünscht. Die AfD ist für die Wirtschaft keine Alternative.

 

Die Justiz der Weimarer Republik war in weiten Teilen rechtsradikal geprägt. Die Mörder Erzbergers oder Rathenaus konnten so mit milden Urteilen rechnen – genau so wie der Putschist Hitler. Die deutsche Justiz der Bundesrepublik verhindert Vorratsdatenspeicherung, erwirkt die Rückkehr eines abgeschobenen islamischen Gefährders und setzt eine Einzelfallklärung jedes Asylverfahrens durch – über mehrere Instanzen.

 

Dem Kampf gegen Rechtsextremismus ist jeder Sieg zu gönnen. Der „Kampf gegen Rechts“ ist schon kritischer zu sehen. Vor allem wenn seine Vertreter so unseriöse Thesen aufstellen wie: Deutschland heute sei fast da, wo Deutschland 1932 stand. Wer aufstehen will, kann das ja gerne tun. Um das Land vor Extremisten zu schützen, ist es sinnvoller die neutrale Justiz zu stärken, die Polizei arbeitsfähig zu halten und die Dinge in der Volksherrschaft Demokratie so zu regeln, dass nennenswert große Gruppen gar kein Interesse an einem Umsturz haben können.