Gescheiterte Nannys

Die deutsche Nationalmannschaft der Frauen hat an diesem Samstag ein entscheidendes Qualifikationsspiel gegen Island gehabt. Nicht mal zehn Prozent wollten die Übertragung des ZDF sehen – und die Einschaltquote profitierte noch von der Heute-Sendung, die im Anschluss folgte. Das Desinteresse ist erstaunlich: Gab es doch vor weniger als zehn Jahren eine regelrechte Kampagne, um den Frauenfußball zu fördern. Was beweist: Nanny-Journalismus führt oft ins Leere.

 

 

Als „Nanny-Journalismus“ bezeichnen die beiden Publizisten Daniel Ullrich und Sarah Diefenbach in ihrem Buch "Es war doch gut gemeint" den Versuch von Journalisten, Leser oder Zuschauer erziehen zu wollen. Auch politisch. Der Mainzer Publizistik-Professor Hans Mathias Kepplinger beschreibt in seinem Buch „Totschweigen und Skandalisierung“, dass Journalisten nach Deutungshoheit streben und dafür bereit sind, ihre Grundsätze zu einer neutralen Berichterstattung hinten anzustellen – zugunsten einer Berichterstattung, die eigene Ziele umzusetzen helfen will.

 

Die Frage, ob dies zulässig ist, wird ausgiebig diskutiert. Was hinten runterfällt, ist die Frage, ob dieses Vorgehen von Erfolg geprägt ist? Denn oft geht journalistisches Sendungsbewusstsein schief.

 

Ein Beispiel ist der Frauenfußball. Diesen zu fördern, haben sich Journalisten zum Vorsatz genommen. Die Hochphase dieser Versuche fand im Jahr 2011 statt. Nun war das hohe Aufkommen der Berichterstattung journalistisch durchaus vertretbar: Schließlich fand eine Weltmeisterschaft im eigenen Land statt und Deutschland war Titelverteidiger.

 

Aber auffallend war die Bereitschaft, das Gezeigte schön zu reden. Die WM 2011 war ein Turnier hanebüchen schlechter Schiedsrichterinnen. Trotzdem wurde dies nicht zum Schwerpunkt gemacht – anders als etwa bei den Männern die Irritationen um den V ideobeweis.

 

Deutschland erhielt im Viertelfinale den entscheidenden Treffer gegen Japan. Die Schützin Karina Murayama stand in spitzem Winkel zum Tor. Eigentlich eine Pflichtaufgabe für eine Torfrau. Doch Nadine Angerer ließ sich früh ins kurze Eck fallen, machte so den Weg ins lange Eck frei. Trotzdem attestierte ihr ZDF-Kommentator Norbert Galeske, dass der Ball nicht zu halten gewesen sei. Die Zeit räumte zwar ein, dass das Viertelfinale „kein schönes Spiel“ gewesen sei ­– aber wegen seiner „Intensität und Spannung durchaus als Werbung für den Frauenfußball durchgehen kann.“

 

Das ZDF nimmt die Meisterschaft der Damen des VfL Wolfsburg mit in den Jahresrückblick, die Meisterschaft des FC Bayern nicht. Doch alle Bemühungen fruchten nicht: Frauenfußball führt weiter ein Nischendasein. Mit zehn Prozent Einschaltquote ist die Nationalelf noch das Zugpferd. Die Bundesliga steht außerhalb jeder nennenswerten öffentlichen Aufmerksamkeit.

 

Kepplinger erklärt, dass Journalisten ein außergewöhnliches soziales Umfeld haben und ihre Geschichten sich auf dieses Umfeld beziehen. Damit berichten sie aber oft an dem Umfeld der Leser oder Zuschauer vorbei.

 

Wer zum Beispiel – außerhalb der Fachpresse – nach Berichten über Mobilität sucht, wird viele Themen finden, die zur von den Grünen propagierten „Verkehrswende“ passen: Städte werden autofrei. Dem E-Auto gehört die Zukunft. Menschen steigen auf Rad oder Bahn um.

 

Wie sieht die Wirklichkeit aus? Die Deutschen kaufen sich Geländewagen für die Stadt. Im Juli hatten laut Auto-Motor-Sport die SUV mit 38,6 Prozent den höchsten Anteil an neuzugelassenen PKW. Die Gesamtzahl lag übrigens bei 318 000 neu zugelassenen Autos. 318 000 neu zugelassene Autos in Deutschland – so viel zum Thema, wir sind auf dem Weg zur autofreien Stadt.

 

Und dann gibt es noch den Kampf gegen Plastik, der gerne von Medien aufgegriffen wird. Zu welchen Erfolgen führt der Kampf? Mittlerweile wird geschältes Obst in Plastik eingeschweißt und verkauft. Dazu liegen keine Zahlen vor. Würde dieser Verkauf aber nicht funktionieren, würden die Supermärkte kaum ihr Sortiment in diese Richtung erweitern.

 

Gilt es nur für harmlose Themen, dass Nanny-Journalismus nicht funktioniert? Das Land mit der am stärksten ausgeprägten PC-Kultur ist die USA. Auch und gerade in den Medien. Als Präsidenten hat das Land 2016 Donald Trump gewählt. Wer als Journalist seinen Job nutzen will, um zu missionieren, sollte sich also nicht nur die Frage stellen, ob das mit seinen Grundsätzen vereinbar ist. Er sollte sich vor allem die Frage stellen, ob das von Erfolg gekrönt ist.