"Ich werde immer Dritter"

Daniel Küblböck wird vermisst. Nach der aktuellen Nachrichtenlage hat er den Freitod gewählt, indem er von einem Kreuzschiff aus ins Meer gesprungen ist. Mit ihm endet ein Kapitel deutscher Unterhaltungsgeschichte.

 

 „Ich werde immer Dritter“, sagte Daniel Küblböck im Finale des Dschungelcamps 2004. Und er behielt recht. Der Kinderpfleger konnte seine Rolle in der deutschen Medienlandschaft gut einschätzen: Es war die des lustigen Sidekicks. Der, der Dritter wird – aber niemals Erster.

 

Im englischen Showgeschäft gibt es diese Rolle schon seit dem 16. Jahrhundert. In den Stücken Shakespeares sind es die Dienstboten, denen Lustiges passiert. Den Herren widerfährt hingegen das Tragische.

 

Die deutsche Unterhaltung ist traditionell ernster. Was tragisch ist, muss durchgehend tragisch sein. Wenn etwas lustig ist, muss das auch so gekennzeichnet sein. Während die Engländer der Welt Theater-Literatur schenkten, gab es daher in Deutschland die Hans-Wurst-Tiaden: Jemand, der als komisch definiert ist, kommt auf die Bühne und ist durchgehend komisch, auch wenn es meist nur albern ist. In Fips Asmussen hat sich diese Tradition bis heute bewahrt.

 

Mit dem neuen Jahrtausend änderte sich das. Es war die hohe Zeit der Spaßgesellschaft. Die lustigen Nebenfiguren erhielten plötzlich Hauptrollen: Guildo Horn 1998 beim ESC oder Jürgen und Zlatko 2000 in der ersten Staffel Big Brother.

 

Als Ende 2002 die erste Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ startete, nahmen die Deutschen das Format noch ernst. Trotz der Sprüche von Dieter Bohlen. Doch nur ein Teil der Deutschen nahm es ernst. Ein anderer Teil wollte sich von der falschen Ernsthaftigkeit des Showgeschäfts verabschieden.

 

Ihr Held war Daniel Küblböck: Aufgedreht, bunt und munter – dafür gesanglich nicht im engeren Sinn talentiert. Er kam von Runde zu Runde weiter. Bis zur drittletzten Show versammelte er noch die meisten Anrufer auf sich.  Während die – immer noch ernsten – Kommentatoren jedes Weiterkommen als Sensation darstellten.

 

Im Finale war dann Schluss. „Ich werde immer Dritter“. Das Küblböck-Mantra griff. Die Zuschauer nahmen das Format wieder ernst und entschieden sich für Sänger, die eine „Superstar“-Karriere wirklich verdient hatten. Auch wenn daraus nie was wurde und nie was werden konnte – was sich damals aber als Erkenntnis noch nicht rumgesprochen hatte.

 

Seit 2004 zeigt RTL das Dschungelcamp. Küblböck war in der ersten Staffel dabei. In Erinnerung bleibt seine Prüfung im Kakerlaken-Sarg. Er wurde mit zigtausenden der Schädlinge überzogen. Die Prüfung zielt darauf, dem Kandidaten die Würde zu nehmen und lebt von dem Spannungsbogen, wie er mit dem Ekelfaktor umgeht.

Keiner der Unterhaltungs-Profis hat es so schlecht vertragen wie Küblböck. Er bekam einen regelrechten Nervenzusammenbruch, zappelte immer noch hysterisch rum, als ihn das Team längst aus dem Sarg befreit hatte. Küblböck wurde Dritter, den Sieg holte Costa Cordalis, der das Format bierernst genommen hatte.

 

Das amerikanische Showgeschäft kennt den Begriff des It-Boys schon viel länger als das deutsche. Küblböck war hierzulande nach Jürgen und Zlatko einer der ersten dieses Genres. Jene Leute, die ins Showgeschäft drängen, obwohl sie handwerklich nichts so richtig können und die sich trotzdem eine Zeit halten. Sei es, weil sie außergewöhnlich, hübsch, dumm oder lustig sind.

 

Küblböck war lustig. Ein Clown. Für dumm hielt ihn das deutsche Feuilleton ebenfalls. Das stimmte nicht. Aber Arroganz und Ignoranz waren schon immer die dominierenden Eigenschaften des deutschen Feuilletons. Küblböck war intelligent, hatte einen klaren Blick auf das Showgeschäft und versuchte sich unter anderem in der Vermarktung von Künstlern.

 

Küblböck war klug genug, das Showgeschäft zu verstehen. Aber offensichtlich nicht hart genug, es zu ertragen. Vor allem den Part, den es für ehemalige It-Boys bereit hält: Ist der Hype vorbei, fallen sie medial ins Bodenlose. Eben weil sie nichts richtig können, worauf es im Showgeschäft ankommt.

 

Deutschland sucht den Superstar und das Dschungelcamp sind immer noch die beiden wichtigsten Formate, die auf RTL laufen. Küblböck war in beiden in der ersten Staffel. Er gehört somit zu den Urvätern des Fernsehens der Spaßgesellschaft.

 

RTL fehlt die kreative Kraft, neue Erfolgs-Formate zu schaffen. Die Spaßgesellschaft ist Geschichte. Und die Marktführerschaft von RTL ist auf dem Weg dahin. Die x-te Staffel DSDS oder Dschungelcamp oder Scripted-Reality-Formate mit dauerkeifenden Assis sind nur was für eine Zielgruppe, die zu blöd für einen Netflix-Account ist.  Irgendwann wird die werbetreibende Wirtschaft da nicht mehr mitspielen .Küblböck scheint sich aus dem Leben verabschiedet zu haben. Er ist ein Gefallener der Ära der Spaßgesellschaft im TV.