Der Korpsgeist der Journalisten

Journalisten kritisieren keine Journalisten, heißt eine wichtige Regel. Nur lässt sich deren Sinn nicht einsehen. Gefährlich ist sie obendrein.

Die Reichswehr sollte sich in der Weimarer Republik nicht an demokratischen Verfahren beteiligen. Formell war sie denn auch unpolitisch. Trotzdem war sie stets einer der wichtigsten politischen Faktoren der verletzlichen Republik: Den rechtsextremen Kapp-Putsch duldete sie. Den linken Spartakus-Aufstand schoss sie nieder. Und die Mörder der Demokraten Walther Rathenau und Matthias Erzberger kamen aus dem erweiterten Umfeld der Armee – aus den Freikorps.

Das Beispiel Reichswehr zeigt: In einer Demokratie kann es keine Parallelgesellschaften geben, die sich aus der Demokratie ausklammern. Trotzdem gibt es immer noch den Anspruch an Gruppen, einen Sonderstatus der Neutralität einzunehmen. So gilt es immer als Kainszeichen, wenn ein Journalist ein Parteibuch hat. Der Anspruch, ein neutraler Faktor zu sein, kommt von außen – aber auch von innen.

Wobei es für Journalisten einen Sonderstatus gibt, den es für nur wenige andere Berufsgruppen gibt: Es gilt als Zeichen einer guten Kultur, sich nicht gegenseitig zu kritisieren. Das gibt es sonst noch bei der Polizei oder eben bei der Armee – in diesen Gruppen wurde das Wort Korpsgeist dafür geprägt.

In anderen Berufsgruppen ist die Kritik an Kollegen systemimmanent: Richter heben die Urteile anderer Richter auf. Ärzte geben Zweitmeinungen. Wenn ein Kollege eine zweifelhafte Behandlung durchgeführt hat, wird diese von einem anderen Arzt untersucht und bewertet. Architekten oder Ingenieure überprüfen die Entwürfe anderer Kollegen.

Diese Praxis schadet weder dem Ansehen der Berufsgruppen noch der Qualität ihrer Arbeit. Im Gegenteil: Dass ein Urteil aufgehoben werden kann, gehört zur Stabilität eines Rechtsstaates. Und dass andere Ärzte eingreifen, wenn ein Kollege einen Fehler begangen hat, dient dem Wohl der Patienten.

Warum also sollen Journalisten keine Kritik an Journalisten äußern dürfen? Weil es keinen Anlass gibt? Sicher nicht. Kein Mensch ist unfehlbar. Kein System sollte daher darauf aufgebaut sein, dass keine Fehler passieren dürfen. Korrekturmechanismen gehören zu jedem funktionierenden Apparat dazu.

Trotzdem gibt es den Korpsgeist unter Journalisten. Und schadet der dem Berufsstand? Zur Hölle: ja.

Der Begriff „Journalist“ ist nicht geschützt. Jeder, der publiziert, darf sich so nennen. Die Ausbildung wird nicht staatlich begleitet. Schon das sind Voraussetzungen, eine fehlende Seriosität zu fördern.

Der Wert journalistischer Arbeit wird immer weniger erkannt. Das wurde durch die Gratiskultur des Internets gefördert. Reichweitenverlust haben Medien aber auch schon vor der Digitalisierung erlebt. Und selbst in den Medienhäusern hat der journalistische Content oft einen schlechten Stellenwert, haben der Pensionsfonds für die Geschäftsführung oder die Ausstattung der Personalabteilung meist eine bessere Lobby. Journalistische Stellen wurden daher in den letzten 20 Jahren massiv abgebaut.

Auch die Bezahlung ist rückläufig. Das hat Folgen. Wer 5000 Euro und mehr verdienen will – und kann – geht als Berufsanfänger nicht mehr in den Journalismus. Damit verliert der Stand einen Teil der Elite als potentielle Mitglieder. Dafür rücken andere nach. Junge Menschen, die ein Einstiegsgehalt von 3000 oder weniger akzeptieren. Häufig ist die Motivation dabei, die Welt verbessern zu wollen.

Mit Folgen für den Journalismus: Immer häufiger ersetzt Wishful Thinking die klassischen Tugenden des angelsächsischen Journalismus: Der Brexit kommt nicht, weil er nicht kommen darf. Hieß es. Trump wird nicht gewählt, weil er nicht gewählt werden darf. Hieß es. Wer sich sein Weltbild aus den Medien bildet – und das tun immer noch erstaunlich viele – der stand am Abend des Brexits oder der Trumpwahl da und dachte: Häh?

Weil sich ein Großteil der Wahlberechtigten sein Weltbild über die Medien erarbeitet, unterliegen die einer hohen Verantwortung. Gerade deshalb ist eine Qualitätskontrolle unerlässlich. Umso mehr in Zeiten, in denen viele Schlechtbezahlte den Beruf ausüben. Also Kollegen, kritisiert einander. Ihr dürft auch gerne bei mir anfangen.