Der Reichtum der Weasleys

Warum sind die Weasleys arm? Diese Frage hat sich der Blogger Sören Heim gestellt. Die einfache Antwort lautet, die äußeren Umstände machen sie dazu. Eine andere Antwort geht tiefer.

 

Die Harry-Potter-Romane sind weitgehend aus der Perspektive ihres Titelhelden geschrieben. Wir erleben nur wenige Szenen, die außerhalb seines Erfahrungshorizonts spielen. Deswegen wird eine Frage auch nie gestellt, geschweige denn beantwortet: Hat schon einmal ein Muggel den Ruf nach Hogwarts abgelehnt?

 

Hermine zum Beispiel. Von ihr wissen wir, dass sie so begabt wie ehrgeizig ist. Der Weg über Eliteschulen und –Colleges hätte ihr offen gestanden. Zumal ihre Eltern als Zahnärzte dem Einzelkind die materiellen Möglichkeiten dazu gegeben hätten. Doch statt eine Karriere anzustreben, die sie als CEO ins sonnige Silicon Valley geführt hätte, entscheidet sie sich dafür, im schottischen Hochland Tränke zu brauen und Einheits-Umhänge zu tragen.

 

Leider erfahren wir nicht, was Hermine letztlich bewogen hat, den Weg der Hexerei einzuschlagen. Nur bei Harry wissen wir es – und da ist es naheliegend: Waise, Besuch einer (verrufenen) öffentlichen Schule und ein Leben bei Verwandten, die ihn hassen. Für Harry gilt die Devise der Bremer Stadtmusikanten: „Etwas besseres als den Tod finden wir überall.“

 

So bleibt denn die Frage offen, ob ein Leben in Hogwarts immer einem Leben in der Muggel-Welt vorzuziehen ist. Denn letztere gelten in der Zauberwelt zwar als Würstchen – aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Wir erfahren immer wieder – vor allem in den Anfängen des ersten und des vierten Teils – dass die Zauberer in der Muggelwelt wie heruntergekommene Kauze wirken, mit schrägem, heruntergekommenem Outfit.

 

So ist denn Armut etwas Relatives. Die Weasleys sind arm innerhalb des Bezugssystems der Zauberer. Äußere Gründe dafür liegen auf der Hand: Vater Weasley hat kein hohes Einkommen und sieben Kinder.

 

Der Höhepunkt der weasleyschen Armut findet im zweiten Band statt: Fünf der sieben Kinder sind schulpflichtig. Die Bücher sind teuer wie nie, da ein einzelner Lehrer sein Gesamtwerk zur Pflichtlektüre erklärt hat. Und Arthur leistet sich ein Hobby, das gleichermaßen teuer und gefährlich für seine Berufslaufbahn ist.

 

Doch diese materielle Armut entschärft sich im Verlauf der Saga. Im sechsten Band prosperiert der Haushalt: Arthur wurde befördert und verdient ein wenig mehr. Gleichzeitig besuchen nur noch die beiden jüngsten Kinder Hogwarts. Zwei weitere Kinder haben sich mit einem gut anlaufenden Geschäft selbstständig gemacht. Fred und George tragen Status-Symbole bewusst nach außen.

 

Über die Zeit nach der Saga wissen wir, dass Ron Freds Platz im Geschäft eingenommen hat, was dafür spricht, dass es weiter rentabel ist. Die Armut der Weasleys ist also nicht systemimmanent, sondern beruht auf besonderen Umständen, die sich verändern.

 

Soweit zur äußeren Armut der Weasleys. Denn diese erfüllt auch eine wichtige metaphorische Funktion in der Deutungsebene der Potter-Reihe. Zum einen als schlichtes Gegenstück zu den Malfoys oder den Lestranges. Zum anderen wenn es um eine zentrale Frage der Saga geht: Was ist wahrer Reichtum?

 

Der Reichtum der Malfoys oder Lestranges wird als „alt“ dargestellt, beruht also auf Erbe. Das geht einher mit der Paradoxie, das gerade die Familien, die einen so großen ideellen Wert auf die Weitergabe des reinen Bluts legen, kinderarm bleiben: Die Malfoys haben ein Kind, die Lestranges gar keins und Voldemort hat nicht einmal eine Partnerin – im Sequel taucht ein unehelicher Sohn auf.

 

Das Erbe bleibt also immer in einer Hand, während es sich bei den Weasleys auf viele verteilt. Die Weasleys, die es mit der Weitergabe des reinen Blutes nicht so genau sehen – beziehungsweise sich über diesen Werte-Kodex sogar lustig machen – sind kinderreich. Mit der Konsequenz, dass dies zu vorübergehender Armut führt.

 

Die Malfoys oder Lestranges sind aber auch deshalb reich, weil ihr Wertekodex es ihnen erlaubt, die Zauberkraft fast uneingeschränkt anzuwenden. Das verhilft ihnen zu einem materiellen Reichtum, aber auch zu einem Reichtum an Macht – im Sinne von Möglichkeiten.

 

Die Weasleys unterwerfen sich den strengen Regeln, denen die Anwendung der Zauberkraft unterlegen ist. Arthur ist sogar beruflich dafür verantwortlich, dass Zauberer ihre Kraft nicht zum Leid von Muggel anwenden.

 

Kinderarmut und Machtmissbrauch auf der einen, Kinderreichtum, Gesetzestreue und Verantwortung gegenüber Dritten auf der anderen Seite. Es braucht keine schlaue Interpretation, um herauszufinden, welche Lebenswelt die Autorin JK Rowling bevorzugt.

 

Und so stehen die Weasleys denn auch für wahren Reichtum: In ihrem Haus sind Fürsorge und Wärme immer anzutreffen – und auch an Essen und Getränken mangelt es nie. Selbst im zweiten Band nicht, in dem die Armut der Weasleys ihren Höhepunkt erreicht. Sie haben keinen Platz, aber sie teilen ihn mit Verstoßenen wie Remus Lupin – und sie haben Spaß dabei. Während es für die Malfoys zur Hölle wird, als sich Gesinnungsgenossen in ihrem großzügigen Anwesen einnisten.