Das erste Buch Gretas

Die schwedische Opern- und Popsängerin Malena Ernman hat die Autobiographie „Szenen aus dem Herzen“ geschrieben, die jetzt in Deutscher Übersetzung erschienen ist. Für eine große Masse wird es ein politisch-spirituelles Erlebnis werden. Das Erste Buch Greta. Für andere das Psychogramm der Generation Schneeflocke.

 

Auf dem Titel die streikende Greta. Auf der Rückseite Greta mit ineinander verhakten Fingern, ans Beten erinnernd. Die „Prophetin“, von der führende grüne Politiker bereits reden. Dabei ist die Schulstreikerin Greta Thunberg nur eine von vier Figuren in „Szenen aus dem Herzen“. Autorin ist ihre Mutter, die European-Song-Contest-Teilnehmerin Malena Ernman. Trotzdem rückt der S.Fischer-Verlag Greta Thunberg in den Mittelpunkt. Eine kapitalistische Entscheidung. Die Klima-Aktivistin zieht einfach besser auf dem Markt und garantiert einen Bestseller.

 

Ansonsten kommt der Kapitalismus in „Szenen aus dem Herzen“ nicht gut weg. Viele der 92 „Szenen“, in die das 256, luftig layoutete Seiten umfassende Buch aufgeteilt ist, sind nach dem gleichen Schema aufgebaut: Einem kurz dargestellten Fakt folgt ein Aufruf zum gesellschaftlichen Wandel. Das ähnelt einer Litanei – schwöret dem Satan Kohlendioxid ab, übt Konsumverzicht und baut darauf eine neue Gesellschaftsordnung auf! Ernman nutzt an mehreren Stellen den Begriff „Revolution“ oder spricht von einem nötigen Systemwandel. Wer den Klimaschutz zu seinem obersten Ziel erklärt hat, wird in diesen redundanten Passagen widerspruchsfreien Lesestoff finden. Anders als in journalistischen Texten, an denen Ernman bemängelt, dass immer auch die andere Seite zu Wort komme.

 

Auch wenn Ernman die Geschichte der Familie erzählt, ist sie bemüht, Widersprüche aufzulösen oder wenigstens zu negieren. Doch das gelingt ihr an vielen Stellen nicht. So liefert sie – mutmaßlich ungewollt – ein Psychogramm der Generation Schneeflocke: Es agieren übersensible Menschen, die davon überzeugt sind, einzigartig zu sein und die wenn sie scheitern, nicht schuld, sondern Opfer sind.

 

Ernman hat 2009 für Schweden am Glitter- und Showspektaktel „European Song Contest“ teilgenommen. Sie überstand die Qualifikation und wurde insgesamt 21. Ein Platz exakt im Mittelfeld. Das erwähnt sie nicht. Mittelmaß passt auch nicht zu einer Frau mit der „Zauberkraft“ Musik. Dass sie den Vorentscheid unter maximal dramatischen Bedingungen gewonnen hat, führt Ernman indes breit aus.

 

Auch dass Schweden und Spanien im Finale einen der hinteren Plätze belegt haben, erwähnt Ernman. Weil „die Jury“ sie schlecht bewertet habe. Und dass sich die beiden Teilnehmer im Vorfeld mit den Opfern einer von der russischen Polizei niedergeschlagenen Demonstration Homosexueller „solidarisch“ gezeigt hätten. Kann ja jeder seinen Schluss draus ziehen…

 

Wie sie Solidarität gezeigt hat, schildert Ernman nicht. Ebenso wenig, dass es „die Jury“ gar nicht gibt, sondern dass es sich um 42 nationale Jurys handelt, in denen teilweise Künstler sitzen, die alles andere als homophob sind. Wenn Fakten das Zeug dazu haben, Ernman schlecht aussehen zu lassen, vermeidet die Opernsängerin es, konkret zu sein.

 

Ihre Widersprüche hebt Ernman so nicht überzeugend auf. So beschäftigen sich Psychologen mit der bedrohlichen Essstörung der heranwachsenden Greta. Ebenso das Zentrum für Essstörungen, Lehrer, Bekannte, die Schulbehörde oder die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik. Und trotzdem inszeniert Ernman ihre Familie als einsame Kämpfer: „Monatelang haben wir fast pausenlos gekämpft, bis wir schließlich einsahen, dass wir alles selbst in die Hand nehmen müssen … Also muss man alles selber machen.“

 

Opferstatus gehört untrennbar zu dem Selbstbildnis, das Ernman zeichnet. Frustrationstoleranz indes nicht. Eine in der Tasche ausgelaufene Shampoo-Flasche. Nachbarn, die das Bad sanieren. Für Ernman sind das drachenhohe Aufgaben. Die Wohnungsbau-Gesellschaft habe ihr nicht helfen könne und jeder habe das Recht, sein Bad zu sanieren. Klingt tolerant. Könnte aber auch sein, dass sich Ernman bei eben jener Gesellschaft über die Nachbarn beschwert hat, halt nur vergeblich. Ein solch unschönes Selbstbildnis würde sie von sich aber nicht zeichnen, zumindest nicht konkret.

 

Es muss sehr viele Anrufe der Ernman-Thunbergs in Gretas Schule gegeben haben. Beim Lesen lassen sich einige Stellen zählen, an denen die Autorin diese Anrufe aufführt. Ernman lässt sie als vom Schicksal gesetzte Zwangsläufigkeiten erscheinen. Sie hat immer wieder in der Schule angerufen, um sich zu beschweren oder Sonderrechte für Greta einzufordern. So beschreibt Ernman das nicht. Das wäre auch zu profan. Zu negativ.

 

Wer Stellen sucht, an denen die kapitalismuskritische Familie typisch kapitalistische Produkte konsumiert, wird reichlich fündig. Doch während die „Tourismushorden“ einfach so zu McDonalds gehen, kommen Ehemann Svante dort Erkenntnisse. Und er weint hinterher.

 

Drei der vier Mitglieder der Familie Ernman-Thunberg haben laut der Schilderung der Autorin schwere psychische Krankheiten oder haben sie gehabt. Ferndiagnosen verbieten sich. Ebenso wie Spekulationen über die Ursachen.

 

Doch Greta Thunberg ist ein Politikum. Sie wurde von den Erwachsenen um sie herum dazu gemacht. Damit ist politisch umzugehen. Der Kniff ihrer Anhänger, jegliche Kritik an Gretas Thesen als Angriffe auf ein krankes Kind zu diffamieren, ist höchst undemokratisch. Es ist der Versuch, eine Meinung zum Dogma zu machen, indem die Gegenposition stigmatisiert wird.

 

„Szenen aus dem Herzen“ ist nicht das Greta-Buch, als das es der Fischer-Verlag verkauft. Es ist eine an vielen Stellen befremdlich wirkende Familiengeschichte. Der Versuch, eigene gesundheitliche Probleme in einem weltanschaulichen Kampf aufzulösen und so die persönliche Betroffenheit in gesellschaftliche Schuld umzudeuten. Was eben jenes politische Engagement zumindest bei den Kritikern in ein Zwielicht setzt.

 

Es ist bereits ein zweites Buch angekündigt. Mit Reden der Schulschwänzerin. Greta pur, sozusagen. Und mutmaßlich eher zur kritikfreien Verehrung einer „Prophetin“ geeignet.