Don't legalize Schaschlik

Straßenumfragen sind eine Arbeit für Praktikanten, Freie Mitarbeiter und anderes journalistisches Prekariat. Das verrät schon viel darüber, wie interessant die Meinung des Manns von der Straße wirklich ist. So beliebig die Ergebnisse sind, so unverzichtbar sind die Umfragen für viele redaktionelle Konzepte. Dabei gibt es eine Zielgruppe, für die Straßenumfragen spannend sein können.

Die Befragten selbst. Vielleicht noch die Verwandten und Bekannten. Sonst interessiert sich niemand für das Ergebnis von Straßenumfragen. Und selbst das hängt neben der Sympathie auch davon ab, in welcher Stadt gefragt wird. In Bottrop ist eine Umfrage vielleicht die einzige Chance, die 15 Minuten zustehenden Ruhms zu erleben – oder einfach überhaupt mal in irgendwas etwas gefragt zu werden. Wer aber in einer Medienstadt wie Köln lebt, ist eher schon genervt, wenn ihm ein Mikrofon unter die Nase gehalten wird – wieder einmal.

Zumal Köln die Hauptstadt der Spaßvögel ist. Wer dort gefragt wird, muss damit rechnen, verarscht zu werden. Eine Interviewform, die Stefan Raab vor 20 Jahren etabliert hat. Für Viva hakte er zum Beispiel bei Älteren nach, wie sie zur Legalisierung von Schaschlik stünden – welche die Senioren vehement ablehnten. Seit dem frühen Raab sind beide Formate ausgelutscht: die spaßige genauso wie die ernst gemeinte Straßenumfrage.

Wieso hält sie sich aber trotzdem so vehement? Das liegt am Internet und am Bullshit-Bingo, das dieses mit sich gebracht hat – unter anderem mit der Blüte „Interaktivität“. Denn mit Auftauchen des weltweiten Webs standen die alten Medien vor der Aufgabe genau diese Interaktivität zu bieten. Ansätze dazu gab es schon vorher viele: Den TED, mit dem Zuschauer von Redaktionen gestellte Fragen beantworten konnten. Bezahlsender, die unterschiedliche Kameraperspektiven unter dem Motto „Sei dein eigener Regisseur“ offerierten. Oder ganz klassisch: den Leserbrief.

All das änderte nicht viel daran, dass die alten immer auch autoritäre Medien sind, deren Charakter es ist, von oben nach unten zu korrespondieren. Daran ändern die verkrampften Versuche der Kundenforschung nichts, das Medium konsumentengerecht zu machen – weil diese Studien keine brauchbaren Analysen liefern. Wer 100 Medienkunden fragt, ob die liebe eine Bettgeschichte von Britney Spears lesen wollen oder ob sie nicht doch lieber nützliche Informationen hätten, etwa wie man Energie sparen kann, wird 99 Mal die Antwort erhalten: Macht mehr übers Energiesparen. Die gelebte Wahrheit sieht anders aus.

Vor die Aufgabe der Interaktivität gestellt, war für die Medienmacher die Straßenumfrage der leichteste Weg, sich das beliebte Etikett anheften zu können. Was das für den Verbraucher bedeutet? Unterm Strich egal. Denn wirklich zählen tut für Medienmacher ohnehin nur der innere Kunden: Die Chefs, Besitzer, Aufsichtsräte – und wenn die Bullshit-Bingo wollen, dann kriegen sie Bullshit-Bingo.

Für die Öffentlich-Rechtlichen ist das besonders lustig. Denn zu den Labels des Bullshit-Bingos, die sie an die Backe getackert tragen müssen, gehört auch das der Ausgewogenheit. Deswegen läuft die typische SWR1-Straßenumfrage immer gleich: Stimme eins ist dafür, Stimme zwei dagegen und Stimme drei wägt beides ab. Abkommentiert wird das vom Moderator immer mit nickender Stimme, leicht Patina besetzt und dem Satz: „Wie Sie hören wird das Thema von den Menschen auf der Straße kontrovers diskutiert.“