Keine ZEIT für Nichtleser

Die Zeitung für Nichtleser hieß unisono die Forderung der Blattmacher in den Jahren des Neoliberalismus: Weniger Text, mehr Optik sowie weniger Politik – mehr Boulevard. Damit sollte den sinkenden Auflagezahlen entgegen gewirkt werden. Geschafft hat das aber eine Zeitung, die sich all diesen Regeln widersetzt.

„Du musst unbedingt den Haller machen“, predigten unablässig die Chefs der Frankfurter Rundschau in den mittleren 2000er Jahren. Damit meinten sie Seminare bei einem Professor, der das Layout der alten linken Dame revolutionieren sollte. Beim niederen Angestellten war der Name Haller undurchsichtig, klang wie Patentrezept und Heilsversprechen in Einem. Und wenn die Chefs von damals heute ehrlich sind – viel differenzierter haben sie ihn auch nicht geprüft.

Haller predigte, was damals alle predigten: Die Texte müssen kürzer werden, weniger politisch und akademisch. In kürzeren Häppchen sollte dem Leser angeboten werden, was ihn ohnehin schon beschäftigt – nur halt in neu und besser. Das Layout sollte an den neuen Konkurrenten Internet angelehnt sein: mehr Kistchen und Kästchen, dafür weniger Fließtext. Kurzum: Die Zeitung sollte vor allem Menschen ansprechen, die nicht gerne oder auch gar nicht lesen. Damit war Haller so exklusiv wie die Doktorarbeit von Freiherrn zu Guttenberg. Nahezu alle Zeitungen zielten fortan auf den Nichtleser.

Wie die Erfolgsgeschichte der Frankfurter Rundschau weiterging, ist hinlänglich bekannt. Und jedes Jahr, wenn die neuen Auflagen aller Zeitungen gemeldet werden, führt das zu einem Ergebnis, das Haller und Konsorten ad absurdum führt: Der große Gewinner heißt nämlich in schöner Regelmäßigkeit – die ZEIT. Jenes Wochenblatt, das am Konsequentesten genau in die andere Richtung gegangen ist.

Wer die ZEIT kauft, hat das Gewicht eines ausgewachsenen Hamsters in der Hand. Und schon das erste Schütteln sorgt für einen Kulturschock bei der Generation Superstar. Die Werbebeilage stammt von der Firma „Mey & Edlich“, die den „Janker 2.0“ bewirbt – „außen rustikaler Strick aus Lambswool und innen weiches Highteech-Fleece“. Im Reisemagazin, bei den meisten Zeitungen nichts mehr als die Gegenleistung von Redakteuren für ihren Gratisurlaub, berichtet in der ZEIT Schauspielerin Jessica Schwarz von ihrer Heimat – dem Odenwald. Davon abgesehen ist der Titel der Beilage, „Zeit-Reisen“ ein hübsches Wortspiel.

Noch bevor der geneigte Leser das Hauptblatt in Augenschein nimmt, fällt ihm das Zeit-Magazin in die Hände. Das wäre an sich schon mehrere eigene Beiträge wert – mit seiner Vielzahl an klügsten Comics, schönsten Lesegeschichten und abgedrehtesten Themen. Hier erwähnt sein soll nur ihr Kolumnist, Herbert Martenstein. Weil der abseitige Themen findet wie „Öko-Werbung im Supermarkt“ und dabei präzise die Breschen in der Eitelkeit der Postpostmoderne trifft. Und weil Martenstein auch im Internet funktioniert. Seine Kolumne über Ernst Neger hat jeder Mainzer mit einem Büroarbeitsplatz mindestens zehnmal als Mail erhalten.

Der Hauptteil macht uns alle zu Herrn Looses, jener Kunstfigur von Loriot, die ihre Zeitungen nicht liest, sondern aufhebt, um sie als Rentner dann endlich mal sortieren zu können. Wer es schafft, in einer Woche wirklich alle Inhalte der ZEIT zu lesen, kann sich umgehend bei Wetten Dass… bewerben. Gut, dort würde er nicht genommen werden, weil das ZDF den Bewerber bevorzugen würde, der die Songs von Britney Spears anhand des Gewichts zuordnen könnte, das sie zur Zeit der Aufnahme hatte.

Der Titel der aktuellen Ausgabe der ZEIT widmet sich der Bankenkrise und dem Wunsch der Menschen, deren ungezügeltes Machen in den Griff zu kriegen. So weit, so normal. Doch schon die beiden Unterthemen mangelnde Netzkompetenz bei Politikern und eine Erörterung, warum Eltern sich nicht unbedingt eine bessere Zukunft für ihre Kinder wünschen sollen, verspricht, die journalistische Hauptstraße zu verlassen.