Die Servicelüge - Warum dann Service?

Ein besonders hübsches Beispiel für unnötigen Service bietet der Reiseteil in den Zeitungen. Also aus Lesersicht. Denn für den Journalisten erfüllen sie einen Zweck: Seinen Gratisreisen das dünne Mäntelchen einer Recherche überzustreifen. Die Texte pendeln in ihrer Qualität zwischen Schülerprosa und Prospektromantik. Nur wenige wie die ZEIT bieten tatsächlich Texte, bei denen der Autor beim Schreiben an den Leser statt an seine Spesenabrechnung gedacht hat.

In Radio und Fernsehen füllt der Service mittlerweile ganze Programmschienen – vor allem in den Dritten Programmen. Da passt der Service dann auch ganz gut hin. Belang- und harmlos wie er ist, stört er niemanden, sendet ruhig vor sich hin, zwingt niemanden zum sich Bewegen und schon gar nicht zum Abschalten – entspricht also der üblichen Strategie, ein im Schnitt über 60 Jahre altes Publikum vor der Glotze einzulullen. Immerhin dürfen hier echte Experten vor die Kamera, sodass die Topfpflanze nicht zwangsläufig eingehen muss, wenn sich der Besitzer an die Ratschläge aus dem Serviceteil hält.

Wer aber nicht mit Zwangsgebühren gemästet wird, müsste dann doch eine andere Strategie wählen? Schöne Frage, aber Thema verfehlt. Denn bei Reformen von Zeitungen und anderen privaten Medien geht es nur vordergründig um das Wohl des jeweiligen Mediums.

Auch bei Blattreformen greift ein Mechanismus, der in der ganzen Wirtschaft weit verbreitet ist: Wenn Produkte neu gestaltet werden, geht es den Verantwortlichen nur in zweiter Linie um den Erfolg des Produkts. In erster Linie zählt für sie, dass die Reform ein positives Image hat, das sie mit ihrem eigenen Namen und somit mit ihrer Karriere verknüpfen können.

Undenkbar ist folgendes Gespräch eines Chefredakteurs mit einem Verleger: „Guten Tag, mein Name ist Hinterkatzler, ich habe die ehrwürdige Rödelheimer Abendzeitung zu einem Pornoblatt mit den aktuellsten Skandalen gemacht und damit die Auflage um 40 Prozent gesteigert – das schaffe ich bei Ihnen auch.“ Viel versprechender wäre der Hinweis auf ein serviceorientiertes Blatt, das die Leserinteressen in den Mittelpunkt stellt, was eine klare Hinterkatzler-Handschrift ist.

Und die Auflage? Heiliger Hamster, in Kreisen wie diesen ist es nicht vornehm, über Profanes wie Zahlen zu reden. Außerdem zeigen die Meinungsumfragen ganz klar: Die Menschen wollen Service. Deswegen haben wir die Umfragen doch gemacht.