Halb Service, halb Gerede

Der Mainzer Mediendisput hat zum Auftakt groß aufgefahren. Moderatorin Amelie Fried sprach mit Michel Friedman und Jürgen Falter über die nachlassende Qualität von Talkshows. Der tatsächliche Star war aber ein Dritter.

Bundestagspräsident Norbert Lammert hat es vorgerechnet: Das Fernsehen lässt den Talkshows mehr Zeit als der gesamten Berichterstattung aus den Parlamenten. Folglich ist nicht mehr entscheidend, was unter dem Adler gesagt wird – sondern was in den Stühlen von Günther Jauch verkündet wird. Angesichts des Anspruchs, von Bedeutung für unsere Demokratie zu sein, müssten die Talkshows ein hohes Niveau bieten. Das tun sie aber nicht.

Zumindest bleibt dieser Eindruck den Besuchern des Auftakts des 16. Mainzer Mediendisputs. Die erlebten im SWR-Funkhaus eine spannende Runde mit zwei Granden der deutschen Talkshowwelt: Politikprofessor Jürgen Falter und Moderator Michel Friedman. Als Dritter dabei: Bernd Gäbler. Früher an verschiedenen Talkshow-Produktionen beteiligt, unter anderem als Redaktionsleiter von Friedman, hat Gäbler nun eine Studie veröffentlicht, in der er das Genre „auf dem Prüfstand“ beobachtet.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Talkshows erreichten nur ein älteres Publikum, der Altersschnitt von Maischberger etwa liege bei 62 Jahren. Das Format richte sich an dieser Zielgruppe aus. Das bedeute: Bloß niemanden aufregen, Verlässlichkeit bieten – und bekannte Gesichter. Echte politische Auseinandersetzung bleibe hingegen auf der Strecke.

Vor allem den Hausherren griff Gäbler dabei scharf an: „Es gibt ein Führungsversagen der ARD.“ Die biete mittlerweile fünf Talkshows in der Woche an, achte aber nicht darauf, dass diese ihr Profil einhalten und lasse damit zu, dass sich die Formate immer ähnlich werden. So häuften sich Doppler, gab es etwa zwei ARD-Sendungen in einer Woche zu Burnout – in der gleichen Woche behandelte auch Illner im ZDF diese Krankheit. Außerdem trügen die meisten Shows nur noch ein politisches Mäntelchen und böten tatsächlich „halb Service, halb Gerede“. Wobei eine mediale Wirklichkeit suggeriert werde, die für die Zuschauer allmählich zu ihrer eigenen werde – etwa wenn lang genug behauptet werde, jeder bräuchte eine private Altersversorgung.

Friedman bestätigte, es gebe mittlerweile ein Formatproblem. Das meiste sei „langweilig inszeniert“. Er selbst lade vorzugsweise junge Politiker ein, weil diese noch nicht so deformiert seien wie die älteren und sich noch zu echten Gesprächen stellten, statt nur trainierte Statements abzuliefern. Falter ergänzend: Politiker seien darauf aus, dass eigene Statement abzugeben und das des Kontrahenten nicht zuzulassen. Komme ein schwacher Moderator dazu, blieben echte Gespräche unmöglich. Interessant: Sabine Christiansen bezeichnet er als besonders wenig durchsetzungsfähige Leiterin – immerhin 23 mal war er ihr Gast.

Die Wahl der Gäste zeigte sich während des Mediendisputs als der Schlüssel zum Erfolg der Talkshow. Nur nähmen die Redaktionen immer die gleichen. „Oft entscheidet es sich darüber, wessen Handynummer der zuständige Redakteur im Handy gespeichert hat“, sagt Falter. Viele hätten auch Angst, ein Gast funktioniere nicht in der Show, sagt Gäbler. Deshalb griffen sie lieber auf Bewährte zurück.

Darin liege aber ein Problem, meint Gäbler. So sprächen zur Finanzkrise keine Banker, Wirtschaftsminister oder Wissenschaftler – sondern Anja Kohl. Die nähmen die Redakteure, „weil sie aus dem Fernsehen ist und die Zuschauer sie deshalb kennen“. Kohl moderiert die Börsennachrichten der ARD und das in so platter Weise, dass sie in der Switch-Parodie eine Bauernweisheit an die andere reiht und mit der Brücke verbindet: „An der Börse ist das nicht anders.“ Dem Publikum werde mit Pseudo-Experten wie Kohl eine künstliche Welt geschaffen. Das Fernsehen dreht sich letztendlich ums Fernsehen.

Gäbler wünscht sich daher vom Fernsehen „einen Ausbruch in Richtung Wirklichkeit.“ Die Redaktionen sollten Leute aus dem Leben einladen. So gebe es in der Occupy-Bewegung eine Hand spannender Menschen, die sich eloquent und klar ausdrücken können. Er selbst ist der beste Beleg für seine These: Gäbler erklärt ideologiefrei, in die Tiefe gehend und trotzdem nachvollziehbar, ist dabei unterhaltsam und witzig – und stellt Falter und Friedman locker in den Schatten.

Denn – Pointe: Letztlich findet im SWR-Funkhaus ja auch nur eine Talkshow statt. Und die war spannend und lehrreich.