Kostbare Sendezeit

Erst in der dritten Woche läuft „Gottschalk live“ –und schon wirkt der Altmeister, als wenn er sich von der Show bereits verabschiedet hätte. Das Konzept, das Internet ins Fernsehen zu bringen, ist grandios gescheitert – schon zum zweiten Mal.

Gottschalk live hat seine lustigen Momente – auch wenn sie nicht freiwillig sind. So hat Thomas Gottschalk die Regisseurin Doris Dörrie zu Gast. Passt. Schließlich läuft gerade die Berlinale. Dorthin hat der Altstar Philipp geschickt. Der kommt mit Bildern von der Pressekonferenz von Billy Bob Thornton zurück und der Tommy ist stolz auf seinen Schüler. Anders als Gottschalks Feindbild, der gemeine Feld-Wald-und-Wiesen-Feuilletonist, hat der Philipp den Billy Bob was Menschelndes gefragt: Wie der zu seiner Ex, Angelina Jolie stehe? Und, Wahnsinn: Er liebe sie noch immer.

Der Philipp ist sichtlich stolz, was er da heraus gekitzelt hat. Nur Doris Dörrie schlafen die Gesichtszüge ein: „Ihr habt immer die selben Leute, das ist kostbare Sendezeit verschenkt.“ Gottschalk tröstet seinen Gast: „Wir haben Angelina Jolie auch noch auf dem roten Teppich.“ Na dann.

Hat wirklich jemand von Gottschalk erwartet, dass er das Fernsehen neu erfindet? Wohl eher nicht. Aber immerhin hat die ARD das Konzept als innovativ gepriesen. Internet sollte mit Fernsehen versöhnt und fusioniert werden. Davon ist schon am zehnten Sendetag fast nichts mehr übrig geblieben: Eine zugegeben hübsche Karo liest von der Facebook-Seite der Sendung vor, Gottschalk zeigt einen optischen Gag mit kostümierten Politikern, der tagsüber schon auf Bild.de lief und relativiert die Qualitäten von Philipp: „Der ist ganz neu im Fernsehen.“ – unprofessionell und spontan, so sind sie, die Jungen, so muss Fernsehen heute sein.

In diesem Widerspruch wurzelt das Scheitern von Gottschalk: Die Show will jung sein, hat aber einen Moderator und läuft auf einem Sender, die beide im tiefsten Herzen alt sind. So begrüßt Gottschalk als zweiten Gast „Ivy“. Schon die Gewichtung sagt alles. Für Gottschalk ist eine Regisseurin, die lange keinen Kassenschlager mehr gedreht hat, der prominentere Gast als die Siegerin der Castingshow „The Voice“. Der Mann lebt im gestern.

Was macht Gottschalk aus seinem zweiten Studiogast? In Großvater-Manier predigt Gottschalk Ivy, sie solle sich in diesem bösen Geschäft, mit falschen Freunden und zerstörerischen Umständen vorsehen. Nicht, dass es ihr wie Whitney Houston gehe. Bilder von Houstons traurig zu Ende gegangenem Leben gibt es natürlich auch zu sehen – immer die selben Leute und so.

Ivy kommt kaum zu Wort. In seinen wenigen Atempausen, die Gottschalk der Sängerin gönnt, erzählt die von sich aus, dass sie Popgeschichte studiert habe. Wäre ja interessant. Aber da geht der Tommy erst gar nicht drauf ein. Da hätt man sich vorbereiten müssen. Da müsste man sich auf einen Gast einlassen. Da müsste man sich für ein neues Thema öffnen. Nö, dann lieber das gewohnte Programm abspulen.

Von Harald Schmidt stammt die Weisheit, wer Programm für junge Leute machen wolle, der müsse sich ganz auf junge Leute einstellen: „Da reicht es nicht, wenn ich einen Gitarristen in der schwarzen Lederhose und mit langen Haaren in den Musikantenstadl dazu stelle.“ Gottschalks Gitarrist ist das Internet. Und dem gewinnt er nicht mehr ab als eine Zeitung ihrer Leserbriefe-Rubrik.

Das hat System: Das Fernsehen reduziert das Internet auf die Stärken des Fernsehens: Filmchen zeigen und Texte reproduzieren. Aber die Stärken des Internets vermag das Fernsehen eben nicht zu vermitteln: Individualität, Unmittelbarkeit, Spontanität. So bleibt ein fader Aufguss.

Die gleiche Erfahrung hat schon mal ein Moderator gemacht. Genau wie Gottschalk war es ein Altmeister, der seinen Zenit bereits überschritten hatte und genau wie Gottschalk ist er grandios gescheitert: Rudi Carrell. Der hat sich im Jahr 2000 in der ARD versucht, mit dem Ansatz das Internet ins Fernsehen zu holen. Damals war der Grundgedanke neu, konnte aber nicht in die Tat umgesetzt werden. Zwölf Jahre später ist die ARD keinen Schritt weiter.

Die Belanglosigkeit von „Gottschalk live“ demonstriert der Moderator, als er das Wetter anmoderiert: „Morgen wird es wärmer als gestern – und wenn nicht, wird’s eben kälter.“ Ob das jetzt unfreiwillig lustig war oder sogar gewollt? Ändern tut das nichts.