Unseren täglichen Führer

Nachmittags prollt die Scripted Reality, abends witzelt Stefan Raab, samstags castet der Bohlen und sonntags kommt der Tatort. Das deutsche Fernsehen kennt seine Konstanten. Eine davon ist der „Führer“. Gerade auf Phoenix ist er präsent wie ein Star, zum Beispiel in der zweiteiligen Dokumentation „Hitlers Österreich“.

Das deutsche Fernsehen kennt zwei entgegenlaufende Tendenzen: Einerseits richten sich die Hauptprogramme immer weniger ans Bildungsbürgertum. Das gilt auch für die Öffentlich-Rechtlichen, etwa wenn sich ARD und ZDF mehrere Tage pro Woche das Tagesprogramm mit Wintersport voll knallen. Andererseits gibt es für das Bildungsbürgertum so viel Angebot wie noch nie. Den Zusatzkanälen der Öffentlich-Rechtlichen sei Dank, private Nachrichten- und Dokusender ergänzen die Palette.

In diesen Nischen für das Bildungsbürgertum ist der „Führer“ medial zu Hause. Kaum ein Tag vergeht ohne einschlägige Reportagen: Samstag „ZDF-History / Die Hindenburg“ auf Phoenix und „El Alamein“ auf N24, Montag und Dienstag „Hitlers Österreich“ auf Phoenix und Mittwoch „Grüß Gott und Heil Hitler“ auf 3SAT. Fallen Jahrestage an, gilt das Motto: „Unseren täglichen Führer…“.

Die Dramaturgie der Beiträge ähnelt sich. „Hitlers Österreich“ ist dafür ein gutes Beispiel: Historische Bilder, Wochenshow-Zusammenschnitte und alt gewordene Zeitzeugen – mitunter nachgespielte Szenen. Ein wenig klassische Musik und Swing für die Brücken und letztlich dazu eine Stimme aus dem Off, die das Ganze zusammen hält und den roten Faden bietet, die Geschichte aufarbeitet.

Die dargestellten Inhalte sind grausam. Doch so wirken sie nicht. Ob der Überversorgung ist der Zuschauer abgestumpft, lässt das Elend jener Zeit nur kaum noch an sich ran. Paradoxerweise wirken die Reportagen im Gegenteil beruhigend: Das vermittelte Wissen ist kaum neu, Sachstand einer durchschnittlichen elften Klasse. Und durch die Form hat das Ganze etwas Narratives – ein Erzähler erklärt einem die Welt.

Den so genannten Zeitzeugen hört man zu wie eben einem Großvater, der vom Krieg erzählt. So ganz stimmt das Gesagte nicht, weiß eh jeder. Richtiges Aufregen bleibt selten und kommt eigentlich nur in Beiträgen von Guido Knopp vor. Etwa wenn dort ein jung gebliebener Altnazi erzählt, ein großer Blonder aus dem Dorf habe nicht in die SS gewollt. Es sei schad um ihn gewesen. Und dann wird abgeblendet und das Post-Fascho-Gespräch bleibt unkommentiert in der Welt.

Von dieser Art ist „Hitlers Österreich“ nicht. Fair kommen auch die Opfer zu Wort. So erzählt etwa ein jüdischer Sohn, wie die arischen Österreicher das Nazi-Regime nutzten, um ganz unideologisch sich einen wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen – indem sie das Geschäft des Vaters unentgeltlich übernahmen. Rauben wäre in einem anderen historischen Kontext richtiger.

Die Bilder lenken kaum ab. Nur selten muten die Macher aggressive Bilder etwa aus Konzentrationslagern zu. Und der geübte Hitler-Schauer hat schon Routine, kennt das meiste Material, da es so viel davon nicht gibt: Im Trauerzug von Kurt Eisner kommt Hitler nach fünf Sekunden ins Bild, bei der Proklamierung des Ersten Weltkriegs in München ist ein jubelnder Hitler in der Masse zu erkennen. Auf dem Berghof tanzt er vor der Kamera von Eva Braun, in Lederhosen posiert er und im Reichstag und auf dem Zeppelinfeld schmettert er seinen Hass in die Welt.

Die Macher von „Hitlers Österreich“ haben sich ein wenig mehr Mühe gegeben. Sie streuen Bilder von Fußballspielen reichsdeutscher Mannschaften ein, die gegen Teams aus der „Ostmark“ antreten, blenden Hitlers Baupläne für Linz ein und zeigen Material von anderen Politikern des Geschehens. So bieten sie, was so viele Reportagen gleicher Machart bieten: solide Unterhaltung – Horror zum Entspannen.