NDW in der ZDF-Hitparade

Am 3. Mai 1982 ist Opis Schlager verstorben. Es war der Tag, an dem die Neue Deutsche Welle in die ZDF-Hitparade schwappte. In Schwimmreifen, Nachthemden und Zebrahosen brachten junge Gruppen Leben in das biedere Treiben. Das Ganze sollte gut zwei Jahre dauern. Die Parodie hat die Gralshüterin der deutschen Musik-Seligkeit auf Dauer unglaubwürdig gemacht.

In Jahresrückblicken taucht das Jahr 1969 immer als Zeit der Studentenrevolte auf. Wir sehen junge Menschen, die Arme eingehakt über die Straße hoppen, "Ho Ho Ho Chi Minh" skandieren. Für eine Minderheit war das auch so, für eine deutlich größere Mehrheit war 1969 das Jahr, in dem sie Heintje auch im Kino bewunderten - sowie die Geburtsstunde der ZDF-Hitparade.

Dieter Thomas Heck hatte die Hitparade ins Leben gerufen und sie von Anfang an mit dem Etikett "staatstragend" versehen. Das fing schon damit an, dass sie aus dem geteilten - und vom Russen bedrohten - Berlin ausgestrahlt und mit dem Vergesst-mir-mein-Berlin-Zeigefinger versehen wurde. Die Einladungen der Künstler erfolgten, so die eigene Legende, auf Basis der Media-Control-Verkaufszahlen. Dieter Bohlen hat in seiner Autobiografie schön dargestellt, was hinter den Kulissen tatsächlich nötig war, um einen Künstler in die Sendung zu drücken. Doch die Zuschauer nahmen die Legende durchaus ernst. Das zeigen die vielen Anrufe und Briefe, in denen Verfahrensfehler in der Sendung scharf kritisiert und Köpfe gefordert wurden.

Dominiert wurde die ZDF-Hitparade von einer immer gleichen Schlagerclique. Zu der gehörten einige wenige Frauen wie Paola oder Mary Roos. Und viele Männer mit dem öligen Charme von Eintänzern wie Rex Gildo, Roy Black oder Karel Gott. Akteuere wie Roland Kaiser oder Howard Carpendale galten schon als jung oder gar international. Gesungen werden durfte nur auf Deutsch.

So bieder ging es zu. bis im Mai 1982 der Frühling der Neuen Deutschen Welle einbrach. Die hatte sich in Szeneclubs aufgebaut. Die Musik war stark von den Trends der späten 70er Jahre beeinflusst wie Punk, Ska und Reggae. 1981 und 82 hatten es dann die ersten Charts geschafft. Auch für den letzten Dorflehrer und Samstagabend-Zuhaus-Bleiber sichtbar wurde das Phänomen dann in der Hitparade.

Die Vorreiter waren Hubert Kah (Rosemarie) und Trio (Da da da), denen noch ein Sieg verwehrt blieb. Der gelang schon in der nächsten Sendung, am 7. Juni 1982 der Gruppe UKW mit "Sommersprossen". Die Akteure der Neuen Deutschen Welle nutzten eine dramaturgische Schwäche der Hitparade - dort galt Halbplayback. Das heißt: Gesungen wurde live, die Insturmente kamen vom Band. Auf der Bühne war folglich wenig zu sehen. Einzelinterpreten retteten sich, indem sie vorher Leute organisierten, die ihnen auf der Bühne Blumen oder Bärchen überreichten. Bands standen dumm rum und zupften wahllos an Bässen oder hauten ohne System auf Keyboards ein.

Die NDW-Gruppen boten der Kamera etwas an. Mindestens waren sie schrill verkleidet, trugen in Erinnerung bleibende Lederröcke wie Nena, die damals beliebten Zebrahosen, Kleidchen oder Kostüme. Hubert Kah tratt bei Sternenhimmel im Nachthemd auf, Fräulein Menke zu "Hohe Berge" im Dirndl. Trio-Schlagzeuger Peter Behrens konterkarierte das Geschehen, indem er während des Spiels einen Apfel aß. Andere turnten wild durchs Studio. Eine Zeit lang sah es so aus, als ob nur noch NDW-Künstler die Hitparade gewinnen könnten. Sieger waren: Spider Murphy Gang mit "Wo bist Du", Nena mit "Nur geträumt", Hubert Kah mit "Sternenhimmel", Trio mit Anna oder Peter Schilling mit "Major Tom".

Doch das Wilde und Spontane war schnell vorbei. Das Kalkül der Plattenfirmen schien alsbald allzu arg durch die Inszenierungen durch. Auch entfernte sich die Musik von ihren Ursprüngen und war vom Schlager bald nicht mehr zu unterscheiden. So merkten es die besagten Dorfschullehrer und Samstagabend-Zuhause-Bleiber fast nicht, als da plötzlich unter dem NDW-Label eine neue Generation von Schlagersängern wie Nino De Angelo, Andy Borg oder Tommy Steiner verkauft wurde.

Am 28. Februar 1983 siegte zwar Nena mit "99 Luftballons" in der ZDF-Hitparade und erreichte mit 50,4 Prozent ein Rekordergebnis. Doch es war, wie es oft ist: Wenn eine Bewegung auf dem Höhepunkt scheint, hat ihr Niedergang eigentlich schon begonnen. Im Herbst 83 folgten dann der Niedergang der NDW und das Rollback der Schlagersänger. Doch innovativ war das nicht. Die Siege gingen an Coverversionen angloamerikanischer Songs: Juliane Werding mit "Schatten in der Nacht", Ingrid Peters mit "Afrika" oder Nino de Angelo mit "Jenseits von Eden".

1984 brachte der ZDF-Hitparade noch zwei NDW-Sieger: Hubert Kah mit "Engel" und Nena mit "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann". Doch das waren Nachwehen, die Welle war längst gestrandet. Bands wie Münchener Freiheit versuchten sich fortan an modernem Schlager, Deutschrocker wie Herbert Grönemeyer, Klaus Lage oder Heinz Rudolf Kunze schafften den Durchbruch.

Das Schlagerformat ZDF-Hitparade trugen diese neuen Strömungen nicht. Hecks Eintänzerriege Gildo, Gott und Black war nicht comebackfähig. Der Moderator muss dies gespürt haben. Ende 1984 zog Heck sich von der Hitparade zurück. Das Format erlebte mehrere Reformversuche und verschwand schließlich in der Bedeutungslosigkeit. Im Jahr 2000 wurde es eingestellt. Jenseits der öffentlichen Wahrnehmung.