Deutschland bei der EM 2000

Nie war deutscher Fußball so schlecht wie bei der Europameisterschaft 2000. Das Turnier in Belgien und der Niederlande blieb das einzige für Erich Ribbeck als Nationaltrainer. Deutschland schied ohne Sieg aus und stellte den ältesten Fußballer, der je bei einer Europameisterschaft antrat.

Die Vorzeichen für das Turnier in Belgien und den Niederlanden waren schon nicht gut – schon lange vorher nicht: Erich Ribbeck hatte im September 1998 die Nationalelf von Berti Vogts übernommen. Er war nicht der Wunschkandidat des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Durch die Qualifikation kam das Team dann nur, weil der direkte Konkurrent Türkei überraschende Niederlagen einfuhr. Dann gab es noch den Confederations Cup 1999 in Mexiko. Dort schied Deutschland blamabel aus, die Zeichen standen auf Sturm.

Die sportlichen Umstände waren ungünstig: Nach der Weltmeisterschaft 1998 waren sechs Spieler zurückgetreten, darunter Jürgen Klinsmann, Jürgen Kohler und Andy Köpke. Einer der besten Spieler seiner Zeit, Matthias Sammer, musste seine Karriere nach vielen Verletzungen beenden. Und Stefan Effenberg gab 1998 ein kurzes Comeback in der Nationalelf, von dem er nach zwei Freundschaftsspielen gleich wieder zurücktrat.

Vor dem ersten Turnierauftritt am 12. Juni 2000, einen Tag vor seinem 63. Geburtstag, hatte Bundestrainer Erich Ribbeck also ernste Personalsorgen. Der gebürtige Wuppertaler behalf sich mit zwei Rückkehrern und Weltmeistern von 1990: Thomas Häßler und der fast 40 Jahre alte Lothar Matthäus, der während des Turniers auf sein 150. Länderspiel kam und bis heute damit den Rekord hält.

In der Mannschaft war Ribbecks Autorität umstritten. Der „Sir“ galt als zu weich. Außerdem leistete er sich Fehler, die seinen Ruf angriffen: Während einer Teambesprechung zeichnete er eine taktische Aufstellung an die Tafel, mit zwölf deutschen Spielern auf dem Platz. Kurz vor dem Turnier rasierte er den beliebten Co-Trainer Uli Stielike, Nachfolger wurde der ungelenke Horst Hrubesch.

Das Auftaktspiel gegen Rumänien fand nachmittags statt und wurde von den Deutschen lustlos geführt. Der Außenseiter trat aggressiver auf und ging nach fünf Minuten durch Viorel Moldovan in Führung. Die Rumänen kamen zu Chancen, scheiterten aber am einzigen deutschen Akteur mit Klasse: Torhüter Oliver Kahn. Mehmet Scholl erzielte mit einem Distanzschuss das 1:1 (28.) und sorgte so für ein glückliches Unentschieden. Der gewonnene Punkt blieb der einzige bei diesem Turnier, und auch auf den Treffer von Scholl folgte kein weiterer deutscher.

Am 17. Juni 2000 traf Deutschland in Charleroi auf England. Eigentlich galt das als Spitzenpartie der Gruppe A, am Ende schieden beide in der Vorrunde aus. Die Mannschaften traten äußerst defensiv auf und boten unattraktiven Fußball. Alan Shearer gelang für England der Siegtreffer. Für Deutschland überzeugte nur der damals 20-jährige Sebastian Deisler.

Die Konstellation bot aber immer noch eine Chance für Deutschland: Weil England gegen Rumänien verlor, hätte ein Sieg gegen Portugal fürs Viertelfinale gereicht. Deren Trainer Scolari stellte zudem sämtliche Ersatzspieler auf. Sein Team war schon vorher qualifiziert, und er wollte die erste Reihe um Luis Figo schonen.

Der deutsche Fußball erlebte eine seiner sportlich schlimmsten Stunden. Die B-Elf Portugals gewann am 20. Juni 2000 in Rotterdam mühelos 3:0. Deutsche Spieler wie Dieter Hamann zeigten slapstickartige Abwehrversuche. Alle drei Treffer erzielte Sérgio Conceicao, über das letzte Tor lästerte Harald Schmidt später: „Da riskiert dieser Conceicao noch seine Gesundheit, während sich Oliver Kahn bereits schlau in Sicherheit gebracht hat.“

Der deutsche Fußball sah aus wie die Zeitlupenversion von Teams wie Portugal oder der Niederlande. Kaum Spiel ohne Ball, kein Mitdenken, keine Inspiration, und oft auch keine Lust. Star des Turniers wurde zweifellos der französische Regisseur Zinédine Zidane. Frankreich gewann das Finale 2:1. Wie die EM 1996 wurde das Turnier in Belgien und der Niederlande mit einem Golden Goal entschieden, dieses Mal durch David Trézéguet (103.).

Die deutschen Auftritte auf dem Rasen waren schon schlimm genug. Danach wurde es nicht besser: Das Ausscheiden gegen Portugal feierten die deutschen Spieler mit einem Saufgelage auf dem Balkon des Mannschaftshotels. Die Bild-Zeitung schäumte am nächsten Tag vor Wut und Häme, Trainer Erich Ribbeck musste gehen, sein Schicksal war schon nach dem Portugal-Spiel besiegelt. Er gab sein Amt aber immerhin so ab, wie er es geführt hatte: Als Sir mit Stil – ohne schmutzige Wäsche zu waschen.