Erich Ribbeck als Bundestrainer

Erich Ribbeck startete als Notnagel seine Karriere als Bundestrainer. Er erlebte böse Pleiten – die Ära des Rumpel-Fußballs. Nach zwei mageren Fußball-Jahren war Schluss für ihn. Doch in seinem Abgang überraschte er.

Die Krise des deutschen Fußballs begann mit der Weltmeisterschaft 1998 und dem Aus im Viertelfinale gegen Kroatien. Fans und Presse forderten den Rücktritt von Trainer Berti Vogts, der zwei Jahre zuvor noch Europameister geworden war. Der schaltete nach dem Turnier auf stur, wollte durchhalten und schaffte das auch – zwei Monate lang. Im September 1998 gab Vogts nach zwei Freundschaftsspielen dann doch auf und stellte den Deutschen Fußball-Bund damit vor ein ernstes Problem.

In der Sommerpause wäre es leicht gewesen, einen erstklassigen Bundestrainer zu finden. Doch während der laufenden Saison wollten Bayern München, der 1. FC Kaiserslautern und Bayer Leverkusen die Wunschkandidaten Ottmar Hitzfeld, Otto Rehhagel und Christoph Daum nicht frei geben. Die folgende Suche geriet zur Posse: DFB-Präsident Egidius Braun verpflichtete Paul Breitner. Der Bayern-Veteran hatte aber schon ein Zeitungsinterview gegeben, in dem er den Verband und dessen Chef scharf kritisierte. Das erschien am nächsten Morgen - und am Nachmittag widerrief Braun die Berufung Breitners.

Dann verhandelte Braun mit Uli Stielike. Der Vize-Weltmeister von 1982 erfuhr aus den Nachrichten, wer das Amt aber tatsächlich bekam: Am 9. September 1998 unterschrieb der damals 61 Jahre alte Erich Ribbeck als Nationaltrainer. Um Stielike nicht zu vergraulen, wurde Ribbeck „Teamchef“ getauft und Stielike Trainer hinter dem Teamchef. Die Aufgabenverteilung beschrieb Stielike so: „Ich bin net nur da, um Bäll uffzupumpe un Hütche uffzustelle.“

Ribbeck aber erhielt das Sagen – und ein undankbares Amt. Vogts hatte der Nationalelf einen schlechten Ruf und ein Personalproblem hinterlassen. Während der WM 98 hatte der übervorsichtige Gladbacher fast komplett auf die alt gewordene Elf vom Titelgewinn 1990 gesetzt. Sein Argument: Die anderen Spieler hätten noch nicht genug Erfahrung. Da er das auch in Freundschaftsspielen so sah, bekamen diese Spieler denn auch keine Erfahrung.

Der verpasste Umbruch war jetzt Aufgabe Ribbecks. Und das war alles andere als leicht. Denn es gab selten Jahrgänge, in denen der deutsche Fußball über so wenige Talente verfügte: Mitte der 1980er Jahre gab es den von Boris Becker ausgelösten Tennisboom, und der DFB musste entsprechend einen Knick in der Nachwuchsarbeit hinnehmen.

Die Alten gingen jetzt von Bord: Spieler wie Stefan Effenberg und Thomas Helmer wollten nicht mehr für die Nationalelf spielen; Lothar Matthäus, Matthias Sammer, Olaf Marschall oder Mario Basler standen wegen mehr oder weniger schweren Verletzungen vorerst nicht zur Verfügung. Ribbeck setzte auf den Stürmer Oliver Bierhoff als Kapitän, überredete Mehmet Scholl zu einem Comeback und konnte auf die Rückkehr des 38 Jahre alten Matthäus hoffen. Dazu kamen zwölf Debütanten, darunter: Michael Ballack, Stefan Beinlich, Oliver Neuville und Carsten Jancker.

Die Qualifikation für die Europameisterschaft 2000 verlief schleppend. Deutschland verlor den Auftakt gegen die Türkei mit 0:1. Bei dem Treffer sah der neue Stammtorhüter Oliver Kahn schlecht aus. Moldawien wurde dann mit 3:1 geschlagen. Aber der Sieg gegen das drittklassige Team besserte die öffentliche Meinung nicht. Der Kaiser Franz Beckenbauer prägte das Wort vom „Rumpelfußball“ für diese Art Auftritte.

1999 stellte Ribbeck auf das 3-4-3 um, das die zu der Zeit auch international erfolgreichen spielten. Damit erlebte er so etwas wie eine Blüte und holte die für die Qualifikation notwendigen Punkte gegen Nordirland, Finnland, Moldawien und die Türkei. Doch die Ruhe war nur von kurzer Dauer.

Ein absolutes Debakel erlebte Ribbeck mit dem Confederations Cup Ende Juli 1999. Er wollte nicht zum Turnier, die Vereine wollten in der Saison-Vorbereitung ihre Spieler nicht abstellen. Trotzdem fuhr die DFB-Elf nach Mexiko. Beckenbauer arbeitete zu der Zeit daran, die Weltmeisterschaft 2006 „ins eigene Land“ zu holen. Aus sportpolitischen Gründen konnte sich der DFB eine Absage nicht leisten.

 „Sir“ Erich Ribbeck machte gute Miene zum bösen Spiel, trat mit der dritten und vierten Garde wie Heiko Gerber an. Die Elf ging unter gegen Brasilien, verlor gegen die USA und siegte nur knapp gegen Neuseeland. Die öffentliche Meinung sollte der Sir nun nicht mehr für sich gewinnen, den Respekt im Team auch nicht.

Viele Spieler bevorzugten Stielike als sportliche Leitung. Der intrigierte offen gegen den Mann, den er als Chef nicht anerkennen wollte. Kurz vor der EM 2000 rasierte Ribbeck so lautlos wie möglich Stielike und holte dafür Horst Hrubesch. Das nützte nur nichts mehr . Das Turnier ging in die Hose und Ribbecks kurze Karriere als Trainer der Nationalelf zu  Ende. Schon zwei Jahre später erlebte der deutsche Fußball dann ein überraschendes Hoch.

Immerhin: Ribbeck blieb sich treu und ging stolz und ohne den Rasen kaputt zu machen. Sein Stil war seine Stärke und seine Schwäche. Vielleicht wäre in den Zeiten der Krise des DFB ein Mann gefragt gewesen, der konsequent dazwischen schlägt.  Sein Nachfolger wurde Rudi Völler.