Den Kopf in den Nacken werfen

Bis in die frühen 70er Jahre stand noch ein wichtiges Fach auf dem Stundenplan der Schauspielschülerinnen: Sich-Ansingen-Lassen. Auch die Dramaturgen stellte diese Disziplin vor schwere Aufgaben.

Die ungekrönte Königin des Sich-Ansingen-Lassens lebt in Wiesbaden: Ingeborg Schöner. Sie spielte an der Seite von Peter Alexander in Klassikern der modernen Tragödie wie „… und so was muss um Acht ins Bett“, „Ich zähle täglich meine Sorgen“ oder „Das süße Leben des Grafen Bobby“. Und Schöner beherrschte alle Varianten des diffizilen Fachs Sich-Ansingen-Lassen.

Schöner ließ sich passiv ansingen. Wobei ihr Spiel so unterschiedliche, ja gegensätzliche Gefühlszustände wie brüskiert sein oder verliebt sein darzustellen vermochte. Im Grafen Bobby gibt es gar eine Szene, in der sie von Ablehnung in Zuneigung wechselt, um Alexander schließlich überraschend des Zimmers zu verweisen. Das waren die großen Tage der Schauspielkunst.

Doch beim Sich-Ansingen-Lassen reichte es nicht, sich auf die Mimik und auf Gefühlsausdrücke zu verlassen. Als Standardgesten gehörten zum Repertoire einer gut ausgebildeten Schauspielerin das Den-Kopf-in-den-Nacken-werfen-und-Schmollen, die Übereinander-ruhenden-Hände samt dem darin aufgesetzten Kopf sowie die Königsdisziplin: der gesenkte Kopf mit dreifachem scheuen Augenaufschlag.

Und es konnte noch härter kommen. Dann legten die Regisseure in tollkühner Überdrehung des Tempos Ansingen und Tanzen zusammen, was für die Schauspielerin erhöhten Bewegungseinsatz bedeutete, ohne dabei den Blickkontakt des Singenden zu verlieren. Wobei die 50er schon zarte Triebe der Emanzipation kannten. Ausnahmen wie Caterina Valente war es erlaubt, Männer anzusingen – allerdings nur in der tanzenden Variante.

Jetzt gilt es außerhalb von Waldorfschulen  als eher unorthodox, seine Gefühle in Tanz und Gesang auszudrücken. Das war – da darf man sich durch filmische Hinterlassenschaften nicht täuschen lassen – in den 60er Jahren nicht anders. Also musste es dramaturgisch wenigstens im Ansatz erklärt werden, warum der Darsteller anfängt, zu singen und zu tanzen.

Gerade für Elvis-Presley-Filme war ein halbes Dutzend der weltweit besten Dramaturgen damit beschäftigt, sich Ansing-Szenen auszudenken. So besucht Elvis in Blue Hawaii die Großmutter seines Love-Interests. Die Omma spielt in dem Film keine Rolle, der Geburtstag erfüllt keine dramaturgische Funktion – also außer dass Elvis die Großmutter ansingen darf. Im Übrigen eine Meisterin des gesenkten Kopfs mit dreifach scheuem Augenaufschlag. Womit die Szene mehr als gerechtfertigt ist.