Irgendwas mit NDW

„Gib Gas – Ich will Spass“ brachte die Neue Deutsche Welle ins Kino. Die Plattform für Nena und Markus zog 1,5 Millionen Zuschauer ins Kino. Ein weiblicher Fan soll sich die Komödie 36 Mal auf der Leinwand angesehen haben. Trotz des Erfolges endete mit Gib Gas die Ära des deutschen Musikfilms.

Wolfgang Büld war als Regisseur auf Dokumentationen über die Punkszene abboniert, wollte aber lieber Spielfilme drehen. Aus dieser Not heraus kam ihm die Idee „Irgendwas mit Neuer Deutscher Welle“ zu machen. Dafür nahm er die Gruppe Trio, Nena und Markus unter Vorvertrag. Seherische Fähigkeiten. Denn die beiden Solokünstler hatten zu diesem Zeitpunkt ihren Durchbruch noch nicht geschafft.

Eigentlich sollte der Film eine Parodie auf „Hurra die Schule brennt“ mit Peter Alexander und Heintje werden – mit Trio als Lehrern und anderen Stars der Neuen Deutschen Welle (NDW) als Schülern. Doch als Büld die Finanzierung zusammen hatte, waren Trio bereits so angesagt, dass sie für den Film keine Lust oder Zeit mehr aufbrachten. Also strickte das Team das Drehbuch rasch um und machte ein Road Movie mit stark betontem Liebesmotiv draus.

Der Plot: Die Schülerin Tina (Nena) hat sich in die Rummelaushilfe Tino (Endrick Gerber) verguckt. Als dieser seinen Job verliert und die Stadt fluchtartig verlässt, will sie ihm folgen. Dafür missbraucht sie ihren naiven Mitschüler Robby (Markus), der einen Roller hat. Auf der einsetzenden Verfolgungsjagd, die bis nach Venedig führt, verliebt sich Tina in Robby – und beide kriegen sich.

In fünf unterschiedlichen Nebenrollen tritt Karl Dall auf. Das war ein Zugeständnis an die Finanziers. Markus und Nena waren in der Planungsphase noch so unbekannt, dass die Geldgeber nach einem Namen verlangten, der verlässlich Menschen ins Kino lockt. Dall war ein Dauergast in Musikfilmen wie „Sunshine Reggae auf Ibiza“ und hatte einen herausgehobenen Status im Team: Er durfte seine eigenen Gags ins Drehbuchschreiben schreiben.

Zum Beispiel: Dall bietet als Reiseleiter Heizdecken feil. Er verursacht einen Stromschlag, an dem ein Kund stirbt. Jener Stromschlag löst ein zischendes Geräusch aus. Pointe: „Wohl einen Kurzen gehabt?“ Synonym von Furz und Stromschlag. Deutscher Humor im Jahr 1982. Die Kritik zu Gib Gas fiel verheerend aus.

Doch der Film ist ein Selbstläufer. Als Nena Gib Gas dreht, ist sie gerade mit „Nur geträumt“ in der ZDF-Hitparade. Als der Film erscheint, ist der Nachfolger „99 Luftballons“ auf dem Weg zur Nummer eins in den US-Billboard-Charts. Der Verleih lässt Gib Gas ins Englische synchronisieren – ein einmaliger Vorgang für einen deutschen Musikfilm.

Das Vorhaben dieses Genre zu parodieren, musste Büld mit dem Ausstieg von Trio aufgeben. Unter dem so entstandenen Zeitdruck hat er ein Standardwerk geschaffen. Ein vergleichsweise gutes: Die Dramaturgie trägt dank der Road-Movie-Struktur. Und während die klassischen Darsteller wie Rex Gildo oder Chris Roberts eine künstliche Ausstrahlung verströmten, geben sich Nena und Markus natürlich und somit erfrischend. Zwar überzieht Nena mitunter – aber das gehörte zu ihr und machte sie umso glaubwürdiger.

Trotz des Erfolgs starb die Musikkomödie kurz nach Gib Gas aus. Das Genre hatte sich überlebt. Bis 1983 waren Schlagerfilme notwendig, damit die Fans zwischen den Konzerten und seltenen TV-Auftritten ihre Idole sehen konnten. Diese Funktion füllten fortan die in jener Zeit aufkommenden Videoclips aus. Anfang 1984 erschien Michael Jacksons „Thriller“ – das wahrscheinlich bedeutendste Musikvideo.