Klassiker des Fernsehens

Mit Anna erreichten die ZDF-Weihnachtsserien 1987 einen Höhepunkt – einen letzten. Dann fehlte Geld, gingen Ideen aus und blieben letztlich die Zuschauer weg. 1995 zeigte der Sender vom Mainzer Lerchenberg mit „Frankie“ die letzte Serie der Reihe. Davor waren einige Klassiker entstanden.

Sigi Rothemund war lange einem Traum gefolgt: Der Regisseur wollte einen Piratenfilm drehen. Dafür gab es in Deutschland aber keine Finanziers – mit einer Ausnahme, das ZDF mit seinen Weihnachtsserien stellte entsprechende Etats bereit. Also schrieb Rothemund gemeinsam mit Drehbuchlegende Justus Pfaue eine Vorlage von Leon Garfield um und drehte 1982 „Jack Holborn“. Die Handlung spielte in Bristol und an der westafrikanischen Küste, gedreht wurde in Neuseeland, weil der Pazifikstaat einen großen Teil des Budgets stellte.

Jack Holborn war ein Waise, den es als Blinden Passagier auf das Schiff eines Freibeuters zog, weil ihm Kapitän Sharingham als Schlüssel zum Geheimnis um seine Eltern schien. Dargestellt wurde Jack von Patrick Bach. Der hatte ein Jahr zuvor in der Weihnachtsserie auch das Artistenkind „Silas“ gegeben und war mit vier Auftritten die Identifikationsfigur der Reihe.

Jack Holborn war ein verfilmter Jungentraum: Ausbüchsen aus der Erwachsenenwelt, in See stechen, auf Schatzsuche gehen, Abenteuer bestehen und Freunde finden. Die Kulissen waren mal prächtig mal bedrückend eng und die Darsteller spielfreudig. Die Serie hielt einen vom Ersten Weihnachtstag bis zum 30. Dezember jeden Abend vorm Fernseher.

In den Weihnachtsserien spielten die besten deutschen Darsteller mit wie Wolfgang Kieling (Patrik Pacard), Matthias Habich (Jack Holborn) oder Eberhard Feik (Anna). Unvergessen bleibt Horst Frank als teufelähnlichem Baron in Timm Thaler, 1979 die erste der ZDF-Weihnachtsserien.

Eigene Stars hervor gebracht haben die Weihnachtsserien indes nicht. Die Karrieren der Jungdarsteller verliefen im Sand oder führten wenigstens zu keinen sonderlichen Höhen. Thomas Ohrner alias Timm Thaler galt zwar in den frühen 80ern als Jungstar, war 1981 noch Manni der Libero, doch als er aus den Jugendschuhen heraus gewachsen war, reichte es nur noch für billige Massenware wie Verbotene Liebe. Ähnlich ging es Bach, der fünf Jahre in „Die Wache“ spielte oder Hendrik Martz (Patrik Pacard), der bei den „Wiecherts von nebenan“ einen hochbegabten Koch, hochbegabten Arzt und hochbegabten Sohn gab – gähn.

Die Geschichte der erst behinderten, dann erfolgreichen Tänzerin Anna (Silvia Seidel) war 1987 dann der Höhepunkt der Reihe. Die Titelmusik „My love is a tango“ von Guillermo Marchena stürmte die Charts, DDR-Eisprinzessin Kati Witt ließ sich die gleiche Frisur wie Seidel stecken und 1988 folgte ein Kinofilm mit den beiden Hauptdarstellern Bach und Seidel.

In Anna beeindruckten die Tanzszenen ebenso wie die Liebesgeschichte zwischen der aufstrebenden Ballerina und ihrem tapfer fröhlichen Freund im Rollstuhl – zu einer Zeit, in der Inklusion und Barrierefreiheit noch nicht auf jeder Tagesordnung standen. Davon abgesehen spielte Silvia Seidel mitnehmend frisch.

Doch gegen Ende der 80er Jahre änderten die Privaten auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Statt auf Qualität wie die Weihnachtsserien zu setzen, passte sich das ZDF an. Die Handlungen seines Flagschiffs wurden absurder. 1988 bringt in „Nonni und Manni“ ein Fremder den Titelfiguren die Nachricht vom Tod ihres Vaters, worauf er selbst unter Tatverdacht gerät, von den Titelfiguren verteidigt wird und wer den Rest der Handlung verstanden hat, gewinnt ein Gratisabo von Rio-ramscht.de. Was Sissi Perlinger 1994 in „Stella Stellaris“ darstellte, wird sie heute selbst kaum noch in zusammenhängenden Sätzen erklären können.

Immerhin: Um die Qualität seines einstigen Vorzeigeprojekts scheint das ZDF zu wissen. Im eigenen Shop auf dem Sendegelände machen die DVD der Klassiker wie Silas, Anna oder Timm Thaler einen beachtlichen Teil des Sortiments aus. Schöner indes wäre es, wenn die Etats von sechs Pilcher-Verfilmungen mal zu einer neuen Weihnachtsserie zusammengelegt würden – die Pilcher-Fans würden Wiederholungen eh kaum von neuer Ware unterscheiden können.