Im schleichenden Verfall

Die Lindenstraße schwächelt. Mit 2,38 Millionen Zuschauern fuhr die sonntägliche Serie am Wochenende ihre schlechteste Quote aller Zeiten ein. Die Darsteller sind nicht mehr charismatisch, die Storys ausgeleiert und die Lindenstraße alles in allem nicht mehr gesellschaftlich relevant.

 

Mit Aids und homosexuellen Küssen (1987) griff die Lindenstraße Themen auf, an die sich das Unterhaltungsfernsehen sonst nicht rantraute. Mit Til Schweiger (1992) und Christoph Schlingensief (1987) als Aufnahmeleiter wirkten Kultfiguren am Dreh mit. Und schon 1990 gab es die erste ostdeutsche Figur. Die Zeit, in der die Lindenstraße Schlagzeilen machte, lag eindeutig in der Ära Kohl. Und als deren gesellschaftlicher Mehltau weggeblasen wurde, war auch die Zeit zu Ende, in der die Lindenstraße eine Rolle in Deutschland spielte.

Seitdem ist die Serie des Produzenten Hans W. Geißendörfer im schleichenden Verfall: Die einst 13 Millionen Zuschauer sind auf weniger als 3 Millionen zusammen geschmolzen. Die ARD lässt den Kult jetzt auch schon mal ausfallen, wie erstmals während diesen Olympischen Spielen geschehen. Und kreativ ist auch nicht mehr viel los.

Viele Plots wiederholen sich. So kauft Hans Beimer (Joachim Hermann Luger) seit einer gefühlten Ewigkeit mit Anna Ziegler (Irene Fischer) ein Haus. Nichts klappt. Das Haus ist marode, das Geld knapp. Dejavu? Alte Lindenstraßenfans haben das schon. Denn bereits in der zweiten Staffel erlebte Hansemann ähnliches, damals noch mit Gattin Helga (Marie-Luise Marjan). Auch dass Doktor Dressler (Ludwig Haas) selbstlos eine junge Frau unterstützt, um seiner Einsamkeit entgegen zu wirken, erleben Anhänger bereits zum dritten Mal.

Die Lindenstraße ist zudem immer mehr für Klischees gut. Geht es etwa um ein Lokal, ist dies komplett leer oder hoffnungslos überfüllt. Meistens wird dann die Geschichte einer Figur erzählt, die gerade überfordert ist, jetzt kellnert und zusehen muss, wie alle Gäste gleichzeitig die Hand heben, um zu fragen, wo ihr Salat bleibt.

Eine frühere Stärke der Lindenstraße lag in der Figurenzeichnung. Mit dem biestigen Hausmeisterdrachen und Nachbarschaftsekel Else Kling (Annemarie Wendl) hat die Serie einen stehenden Ausdruck geschaffen. Schließlich hat jeder so etwas um die Ecke wohnen, was er dank Lindenstraße nun „so eine Else Kling“ nennt. Auch der Frauen verschlingende Tennislehrer, die overstylte Friseurazubi oder der lebensuntaugliche Nerd waren Figuren, die echt und glaubwürdig oder zumindest originell waren.

Heute sitzen die Figuren vor dem Radio und kommentieren fünf Minuten das Weltgeschehen. Der Taxifahrer und die Bäckereiverkäuferin sprechen dabei auf dem gleichen Niveau wie der Arzt oder die Jurastudentin. Dabei geben sie sich gegenseitig die Stichworte vor, um linke Thesen zu propagieren. So stellt sich vielleicht die Theater-AG der Fachschaft Pädagogik Erfolg versprechendes Agitprop-Theater vor – der Zuschauer aber nicht gute Unterhaltung.