Georgina Dingens die Zweite

Das Dschungelcamp ist in seiner klassischen Phase angekommen. Die Inszenierung ist schlüssig, stringent und erfolgreich. Der Kram klappt. Wer noch über fehlenden Sinn oder mangelndes Niveau klagt, der hält es auch für bahnbrechend vor übermäßigem Konsum bei Mc Donalds zu warnen. Der Erfolg der Show enthält aber schon den Keim des Untergangs in sich.

 

Vor der aktuellen Staffel von „Ich bin ein Star holt mich hier raus“ gab es eine zentrale Frage: Kann Daniel Hartwich Moderator Dirk Bach ersetzen? Die Antwort lautet jein. Einerseits fehlen Hartwich die Brillanz und die Präsenz seines Vorgängers. Das wurde schmerzhaft spürbar, als RTL seinem verstorbenen Moderator am Ende der ersten Folge eine kleine Hommage widmete. Andererseits ist er die denkbar beste Besetzung, so lange Dirk Bach nicht mehr lebt.

Hartwich war schon vor 2013 im Dschungel, moderierte Beiträge aus dem Camp für andere RTL-Formate. Die richtige Mischung aus Häme, Ironie und Sich-selbst-nicht-so-wichtig-nehmen ist ihm also vertraut. Er beherrscht sie. Die verrückten Einfälle, der Auslauf der Rampensau fehlen. Angesichts des Drucks, der auf Hartwich lasten muss, schlägt er sich aber gut. Vielleicht traut er sich mit der Zeit auch, häufiger vom Pfad abzuweichen.

Dem neuen Moderator kommt zugute, dass die Maschine im Hintergrund läuft. Das Team versteht es, die Camp-Insassen zu inszenieren, und greift dabei auf Bewährtes zurück: das Beichten von Problemen wie der Pornosucht von Patrick Nuo, das Vorführen von Schwächen wie der Bulimie von Fiona Erdmann und natürlich die Königsdisziplin, das Aufbauen der hassenswerten Dschungel-Zicke – 2013 ist das Georgina Dingens die Zweite.

Dabei orientiert sich RTL an der Staffel von 2011, die sowohl in der Qualität als auch mit den Quoten die bisher erfolgreichste Staffel war. In jenem Jahr gelang der Show der Durchbruch beim Feuilleton. Den Kritikern wurde bewusst, dass sie es zwar nicht mit Hochkultur zu tun hatten – aber im Unterhaltungsbereich mit handwerklich nicht zu beanstandender Qualitätsware. Man muss auf Pro sieben weniger als sieben Minuten die Alm gesehen haben, um das Dschungelcamp erst richtig zu würdigen zu wissen.

Während andere Erfolgsformate auf RTL allmählich an Quoten-Schwindsucht darben – Deutschland sucht den Superstar oder das Supertalent – versammelt „Ich bin ein Star…“ beharrlich über 6 Millionen Menschen vor dem Fernseher. Die Quote in der Kernzielgruppe 14 bis 49 Jahre liegt bei etwa einem Drittel.

Also alles gut? Einfach so weitermachen und dann läuft der Laden über Jahre? Eher nicht. Ein Kick bestand darin, das Dschungelcamp zu schauen, weil niemand zugeben wollte, es gesehen zu haben. Wie bei Pornos oder CDs von Dieter Bohlen. Wenn aber erst einmal unter den Meinungsführern der Trend war, es sei okay oder gar angesagt, sich das Camp anzusehen, dann wird unweigerlich folgen, dass es mal out sein wird.

Zumal die Show dem üblichen Gewöhnungsverschleiß unterliegt: Hat erst einmal der hundertste in die Kakerlake gebissen oder in Ratten gebadet, dann wird der Zuschauer was Neues sehen wollen. Dann werden die Macher reflexartig nach anderen Moderatoren suchen, wahrscheinlich farblosen jungen Ansagemaschinen, am Regelwerk basteln und an der Empörungsschraube drehen. Nichts Neues. In der Kunst folgt der Verfall immer auf die klassische Epoche.