Närrisches Fernsehasyl

Die Öffentlich-Rechtlichen senden häufig an den Unter-50-Jährigen vorbei. Besonders deutlich wird das an den Übertragungen von Fastnachts-Sitzungen. Diese weisen zudem eine Nicht-Qualität auf, die bedenklich ist.

Montags und dienstags laufen in der Prime Time auf Pro Sieben Sitcoms: die Simpsons, Two and a Half Man, Big Bang Theory oder Two Broke Girls. Diese Comedyserien zeichnen sich durch eine hohe Gagdichte aus, durch geschliffenen Wortwitz und originell zusammen gesetzte Ensembles – und sie kommen aus den USA. In Deutschland wird solche Comedy fast nicht produziert. Nur wenige Formate wie Stromberg oder Kalkofes Mattscheibe können qualitativ mithalten – privat finanzierte Formate.

ARD und ZDF zeigten Montag und Dienstag Fastnacht in der Primetime. Deutlich über 3 Millionen Zuschauer sahen „Typisch Kölsch“ (ZDF) und „Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst“. Unter den Zuschauern war aber nicht mal jeder Zehnte zwischen 14 und 49 Jahre alt. 300 000 beziehungsweise 350 000 Menschen aus dieser Zielgruppe schauten dem närrischen Treiben zu. Das Entspricht Quoten von 2,3 und 2,9 Prozent. Diese Zahlen stammen aus dem RTL-Videotext, Seite 891. Die gleichen Seiten von ARD und ZDF schlüsseln die Quoten nicht nach Alter auf.

Die Zahlen überraschen nicht. Denn der Aufbau der Sendungen lässt gar nicht auf die Idee kommen, dies könnte Jüngere ansprechen. „Typisch Kölsch“ beginnt zum Beispiel mit dem Einzug eines Spielmannzuges. Zehn Minuten passiert nichts anderes, als dass Musiker gen Bühne marschieren, dort spielen und zwischendrin ein Sitzungspräsident genannter Moderator Ehrengäste begrüßt. In der gleichen Zeit gab es bei Two and a Half Man schon mehr als ein Dutzend Pointen, wurde eine Handlung etabliert und Verwicklungen aufgebaut. Schon das Tempo der Fastnacht ist eher so 50er-Jahre.

Die Qualität nicht. Denn was bei „Typisch Kölsch“ auf den Spielmannszug folgt, hätte es in der Frühzeit des Fernsehens schwer gehabt, den Check zu bestehen. Ein lieblos verkleideter Mann tritt auf als das „Rumpelstilzchen“. Der Sitzungspräsidenten-Moderator kündigt ihn als Meister des gereimten Wortes an – der Beginn ist aber erst einmal eine umständliche Begrüßungs-Prosa. Ach wär’s nur dabei geblieben.

Denn als das Rumpelstilzchen loslegt, wird schnell klar, dass die auf Pennäler-Niveau vorgetragenen Schüttelreime noch das Beste an der Rede sind. Das Gagschema reduziert sich auf zwei Muster: Früher war es besser und wir sind besser als die anderen. Das kennen die 14-bis-49-Jährigen von Familienfesten – vorgetragen meist von der Zielgruppe, die des Rumpelstilzchens laue Gags sich auch im Fernsehen anschauen. Dessen Pointen: Griechen und Spanier leben auf Kosten der Deutschen in Luxus, während die wiederum verarmen und wenn die gesellschaftliche Entwicklung so weiter geht, dann werden Guido Westerwelle und Klaus Wowereit ein Paar. Muahaha. Solche Ausfälle sind sonst eher typisch für den schlecht gekleideten und riechenden Nörgler im Stadtbus.

Immerhin. In einem zeigen sich die typisch Kölschen modern. Sie erwähnen den Namen des Senders, der ihnen Fernsehasyl gewährt, so häufig, wie das Anpreisen des eigenen Namens sonst nur auf Rapplatten üblich ist. Aber wenn es um das Anbiedern an Mächtige geht, sollte man nicht im ZDF verweilen. Das ist viel typischer für die ARD-Sendung „Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst“.

Dort halten Ministerpräsidentinnen wie Annegret Kramp-Karrenbauer oder EU-Parlaments-Präsidenten wie Martin Schulz die Büttenvorträge. Die Pointen sind aber ganz genau so lau. Aber darum geht es nicht. Den Aachener Machern ist wichtig, dass sie ihr Provinzfürstendasein einmal im Jahr mit der Aufwartung von bundesweit bekannten Promis aufhübschen. Warum da aber ein öffentlich-rechtlicher Sender die Kameras darauf halten muss, bleibt unklar. Dass die Aachener Lokalegos unbedingt eine weitere Stickstoffzufuhr erfahren müssen, gehört kaum zum Sendeauftrag von ARD und ZDF.