Guttenberg ist zurück

Er schien die Politik zu revolutionieren. Noch als er zurücktreten musste, stellten alle die Frage, wann das Comeback stattfinden würde – nicht ob. Und trotzdem ist es um ihn still geworden. Nun kehrt Karl-Theodor ganz viele andere Vornamen Guttenberg zurück. In einer Farce.

Politik auf SAT1? Im Hauptprogramm? Wo sonst für Sekretärinnen zurechtgeglättete Kopien von Hollywood-Klassikern mit Alexandra Neldel in der Hauptrolle laufen? Erst einmal verursacht die Idee Magenschmerzen. Und es wird nicht besser: Die ersten Bilder von "Der Minister", der Farce über die Causa Guttenberg sehen überzeichnet aus, erinnern ein wenig an Nonstop Nonsens. Die Hauptfiguren heißen nicht Merkel, Wulff und Schavan sondern Murkel, Wuff und Schwan. Autsch!

Andererseits: Der Zuschauer als Masse hat die für Sekretärinnen zurechtgeglätteten Kopien von Hollywood-Klassiker überlebt. Die Sakkos, die Johannes B Kerner in Ran getragen hat. Warum also nicht auch eine Polit-Satire auf SAT1. Viel spannender ist ohnehin die Frage, ob der Zauber Guttenbergs immer noch wirkt oder längst verflogen ist?

Guttenberg hat die schwarz-gelbe Regierung in den längst überfälligen Schritt getrieben, die Wehrpflicht abzuschaffen beziehungsweise auszusetzen – weil die CDU ihren Werteverkauf gegenüber der Kernklientel mit solchen Wortmogeleien zu überspielen versucht. A propos. Guttenberg war auch der, der das Geeier um die Auslandseinsätze der Bundeswehr beendet und als Erster öffentlich von „Krieg“ gesprochen hat. Außerdem hat er eine Wehrreform konzipiert, die unter Experten allerdings eher als unvollständig gilt.

Doch wie groß ist der Anteil derer, denen Guttenberg wegen dieser politischen Taten im Gedächtnis geblieben ist? Und wie viele haben auf solche Details geachtet, als sie den Freiherrn in ihr Herz geschlossen haben? Eben.

Es war gerade nicht die Realpolitik, die Guttenberg so anziehend gemacht hat. Die ist nämlich grau, wird mit Worten wie Wehrpflicht aussetzen, Auslandseinsätze durchführen oder den demografischen Wandel gestalten beschrieben, von unsichtbaren Bürokraten in Brüssel vorgeschrieben, auf die keiner mehr einen Einfluss hat und ist letztlich so kompliziert, dass sie kaum einer noch versteht. Etwa, wenn es um die „Euro-Rettung“ geht. Mit dieser spröden Welt hatte Guttenberg nichts zu tun.

Schon seine viele Vornamen zeigten an: Der kommt aus einer anderen Welt. Einer mit kurfürstlichen Wäldern, Schlössern und Prinzessinnen, die in Weiß heiraten. Und war seine Frau nicht wunderwunderschön und kämpfte obendrein noch gegen Kinderschänder?

Der Guttenberg war anders. Sein Nachfolger, der Demai, Deme, Daime, der aus dem Osten, der trägt verknitterte Zweireiher und entschuldigt sich vor der Bundeswehr für missglückte Aussagen. Guttenberg trug Maßanzüge, die saßen, ließ sich auf dem Times Square fotografieren statt auf dem Feuerwehrfest Hückdenhovel und wenn er sich unglücklich äußerte, dann entschuldigte er sich nicht – dann wies er die Kamerateams einfach an, das nochmal zu drehen.

Auf der Medienklaviatur spielte Guttenberg ohnehin La Paloma und Freude schöner Götterfunken, wie es ihm beliebte. Die Bild-„Zeitung“ puschte ihn in einer unverfrorenen Parteilichkeit, wie es selbst von der Bild noch nie dagewesen war. Und seriöse Medien wie DPA machten ihn unreflektiert zum „Unternehmer“, weil er die geerbten Millionen verwaltete. Wer auf so etwas hinwies, war ein blasser Neider, der den Kontrast zum über den Dingen schwebenden Guttenberg nur noch größer machte.

Guttenberg war ein Baron, ein Monarch, ein Gott. In seiner Wirkung. Und er zeigte eine Tendenz auf, die die Deutschen offensichtlich haben. Eine, die sich sonst an sinkender Wahlbeteiligung sichtbar macht, an der Bereitschaft Anti-Parteien zu wählen, obwohl oder gerade weil die kein Programm haben und an den vielen herablassenden Äußerungen über „die Politiker“, die zum festen Repertoire drittklassiger Comedians gehört. Die Deutschen scheinen der Demokratie müde.

Die Bereitschaft Lichtgestalten zu feiern ist da: Seinerzeit beim deutschen Papst, bei Franz Beckenbauer ohnehin und selbst bei einem Schlagersänger mit übertrieben zur Schau getragenen Libido wie Dieter Bohlen. Die dürfen nicht mehr hinterfragt werden.

Und so war dann im Frühjahr 2011 auch die erste Reaktion auf die Plagiat-Vorwürfe gegen Guttenberg Ablehnung. Nicht gegenüber seiner Unverfrorenheit, sich geistigen Eigentums zu bedienen und sich einen akademischen Titel zu erschleichen. Sondern gegenüber der Berichterstattung selbst. Auf Facebook gründete sich sogar eine Gruppe, die „Hetzjagd“ nannte, was journalistische Aufklärung war. Der Baron – der Monarch – der Gottgleiche durfte nicht angekratzt werden.

Die Gruppe hat mittlerweile fast die Hälfte ihrer einstigen Mitglieder verloren. Es ist ruhig um Guttenberg geworden. Warum?

Guttenberg ist normal geworden. Sein Erkennungszeichen, das Gel in den Haaren, hat er aufgegeben. Ein leichtes Übergewicht sucht seinen Weg. Guttenberg beschäftigt sich mit irgendwas mit EU und Internet, was so ziemlich das Gegenteil von über den Dingen schweben ist. Und wenn Guttenberg ein Comeback in der CSU anstrebt, ist er auf die Gnade typischer Politiker wie Horst Seehofer oder den Söder angewiesen. Ist der Titel angekratzt, der Hype beendet, kann es ganz ruhig werden – auch um die, um die es richtig laut war.

Nun also der Film. Primetime, immerhin. Aber halt SAT1 statt ARD. Boulevard-Farce statt Breloer-Doku. Bleibt zu sehen, wie das ankommt. Die Sehnsucht nach einem Comeback dürfte der Film indes kaum anschieben. Auch wenn Guttenbergs Frau von Alexandra Neldel gespielt wird.

SAT1 zeigt der Minister am Dienstag, 12. März, 20.15 Uhr.