Sandalenfilme an Ostern

Sie gehören zu Ostern wie Spaziergänge, Eier und Hasen: die Sandalenfilme. Mit ihnen reagierte Hollywood einst auf die zunehmende Konkurrenz durch das Fernsehen. Außerdem dienten Rom oder Ägypten als Projektionsflächen für Kritik, die an God’s own country seinerzeit nicht erwünscht war.

In den 50er Jahren erlebte das Fernsehen in den USA seine ersten Erfolge. Serien wie die Honeymooners fesselten ein Millionenpublikum vor dem Bildschirm – und hielten es davon ab, weiter in die Kinosäle zu strömen. Hollywood reagierte wie immer, wenn es von kleineren Formaten herausgefordert wurde: Es antwortete mit großen Bildern – außergewöhnliche Szenerien oder Specialeffekts.

Das Genre des Sandalenfilms wusste damit zu dienen. Einen frühen Meilenstein setzte Cecil B DeMille, seinerzeit schon ein Altmeister. Billy Wilder gewährt ihm in Sunset Boulevard einen Cameo-Auftritt als Repräsentant des alten, des Stummfilm-Hollywoods. In jenen Tagen hatte er Die Zehn Gebote bereits verfilmt. 1956 schuf er ein Remake mit Ton, in Farbe und Vista-Vision.

Die Reaktion war unterschiedlich: Intellektuelle Medien wie die FAZ zerrissen das Remake und erinnerten an die Verwandtschaft zwischen Rummel und Kino. Rolf Giesen und Ronald M. Hahn nahmen Die Zehn Gebote in ihre Sammlung „Die schlechtesten Filme aller Zeiten“ auf. Das Publikum mochte aber den Monumentalstreifen. In katholischen Kreisen gehörte er über Jahrzehnte zum Kulturinventar, was sich letztlich in der Dauerpräsenz im Osterprogramm niederschlug.

Den großen Bildern unterlegte DeMills eine pathetische Sprache. Zu den biblischen Motiven kamen die klassischen Themen Hollywoods: Liebe, Intrigen, Eifersucht… Außerdem brachte Die Zehn Gebote einen Star hervor: Charlton Heston, ohne den Sandalenfilme heute gar nicht mehr vorstellbar sind.

Das Hollywood-Kino der 50er Jahre war eingeschränkt. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Produzenten mit patriotischen Filmen und Filmchen Vermögen verdient, ohne ein großes Risiko einzugehen. Das hatte sie empfänglich für den politischen Mainstream gemacht. Und der führte in dem Jahrzehnt des Kalten Krieges nach rechts. Senator McCarthy jagte vermeintliche Anti-Kommunisten, die er vor allem in Hollywood vermutete – und die Filmindustrie reagierte, indem sie sich wegduckte und an den rechten Zeitgeist anpasste.

Der Sandalenfilm ermöglichte Künstlern, dennoch Kritik zu üben. Gesellschaftliche Vorgänge wurden in die Antike verlegt und dort symbolisch aufgearbeitet. Am meisterlichsten gelang dies William Wyler 1959 mit Ben Hur, der elf „Oscars“ erhielt und damit bis Titanic der erfolgreichste Film einer Verleihung war.

Ben Hur ist die Geschichte der Freundschaft zwischen Messala, einem Karrieristen in der römischen Armee und Ben Hur, einem reichen jüdischen Kaufmann. Weil er sich einen Propaganda-Effekt erhofft, schickt der Römer seinen unschuldigen Freund auf eine Strafgaleere. Ben Hur kehrt zurück, nimmt Rache und lernt doch, dass es Wichtigeres gibt.

Höhepunkte des Films sind das Wagenrennen und die Galeerenschlacht. In einer Zeit, in der noch nicht alles möglich war durch Computer-Animation sorgten solche Szenen für Spannung: Wie würden sie aussehen? Waren sie glaubwürdig? Und wie haben sie das gemacht, waren Fragen, die sich die Zuschauer noch ernster stellten als heute. In Die Zehn Gebote warteten nicht wenige nur darauf, dass Moses nach Stunden endlich das Rote Meer teilt.

Es gibt keine Beweise, dass es nicht Moses Sandalen sind
Es gibt keine Beweise, dass es nicht Moses Sandalen sind

In Ben Hur und Die Zehn Gebote lag der Schwerpunkt noch auf den biblischen Motiven. In Filmen wie „Der Untergang des Römischen Reichs“ rückte die Kritik in den Vordergrund. Und es brauchte nicht viel, um „Römischen“ durch „Amerikanischen“ zu ersetzen. Der Sandalenfilm war aber nicht ausschließlich die Heimat der Subversiven. Auch Patrioten drehten in der Wüste und inszenierten den Kampf des Guten gegen das Böse – hinter Letzterem lugten nur allzu deutlich die Roten hervor.

Was bleibt? Ben Hur ist ein zeitloser Klassiker, der zum Film gehört wie Hamlet zur Literatur oder Franz Beckenbauer zur Fußball-Geschichte. Andere Filme wie Die Zehn Gebote sind heute nur noch für Nostalgiker erträglich. In manchen Stellen wirkt das Werk De Milles unfreiwillig komisch: etwa der Tanz um das Goldene Kalb.

Der Tanz war nichts anderes als eine Orgie – und damit ein Problem für einen Hollywood-Film der 50er Jahre: In einer Zeit, in der schon das Zeigen eines Doppelbettes als obszön galt, blieb nicht viel Spiel für die Darstellung einer wüsten Party. Und so sieht das dann auch aus: Eine Frau ist an das Kalb gefesselt und wehrt mit Stummfilmgesten Unholde ab, die ihr an die Toga wollen. Andere Männer schwenken den Weinbeutel, wobei sie sinnlos vor sich hinsingen. Und der einst so große Edward G. Robinson tanzt wie eine Rumpelstilzchen-Parodie durchs Bild.

Kabel eins zeigt Ben Hur am Karfreitag, 29. März, um 9.40 Uhr und am gleichen Tag Die Zehn Gebote um 20.15 Uhr. Auf Bayern 3 kommt Der Untergang des Römischen Reichs am Karfreitag um 22.50 Uhr.