Hitchcocks Griff nach der Psyche

Das Kino tut sich mit der Psychoanalyse naturgemäß schwer. Innere Vorgänge statt äußere Bilder müssen erst einmal in Filmsprache übersetzt und in Dramaturgie gepresst werden. Der Erste, der sich im Blockbuster-Kino an das Thema gewagt hat, war Alfred Hitchcock.

In der Literatur griffen die Autoren die Psychoanalyse früh auf. Alfred Schnitzler mit der Traumnovelle oder Franz Kafka in seinem Gesamtwerk bearbeiten immer wieder Motive, die von Sigmund Freud inspiriert waren. Dies lässt sich auch verhältnismäßig leicht bewerkstelligen. Die Schilderung innerer Handlungen wurde zur großen Stärke des Romans im frühen 20. Jahrhundert und trug einen großen Teil dazu bei, dass er zur führenden Gattung seiner Zeit wurde.

Im Film sah das anders aus. Zwar gab es auch dort Versuche, die Psychoanalyse darzustellen, doch fanden die meisten in den Nischen des Kinobetriebs statt auf der Hauptstraße statt. 1945 übte sich dann Alfred Hitchcock daran: in Spellbound, der auf Deutsch den etwas unglücklichen Namen „Ich kämpf um dich“ trägt.

Spellbound war mit Ingrid Bergman und Gregory Peck starbesetzt. Doch in Erinnerung blieb etwas anderes: die Traumsequenz, in der Peck seine Traumata aufarbeitet. Die Bilder dafür stammen von Salvatore Dalí, dem Hauptvertreter des Surrealismus. Räder stehen für Pistolen, Bärte für Vorbehalte gegen Psychiater und Dächer für Skipisten. Der Zuschauer ist gleichermaßen von den befremdlichen Bildern gefangen, wie er versucht, das Gesehene in die Auflösung der im Film gestellten Fragen einzupassen.

Nur: Genau daran scheitert letztlich Spellbound. Hitchcock gelingt es mit der Traumsequenz die Psychoanalyse zu zeigen. In langen Dialogen lässt er sie auch erklären. Schon das ist allerdings für Hitchcock ein Misslingen, hat er doch immer versucht, seine Filme eher in Bildern als mit Worten zu erzählen.

Schlimmer aber: In Spellbound greifen Psychoanalyse als Motiv und Rahmenhandlung nicht richtig ineinander über, laufen nebeneinander her. Sodass sich die eigentliche Handlung ganz am Ende des Films über einen simplen Versprecher auflöst. Das – hat Hitchcock später selbst eingeräumt – war cineastisch unbefriedigend.

15 Jahre später startete Hitchcock seinen zweiten Versuch: Psycho. Nun ist dies ohne Frage ein gelungener Film. Phoenix aus der Vogelperspektive, die Duschszene, die Mutter am Fenster des Herrenhauses oder das Gerippe im Schaukelstuhl gehören zu den meist aufgegriffenen und parodierten Szenen der Filmgeschichte.

Doch Psycho ist ein gelungener Film, weil er gut erzählt ist – bilderstark erzählt ist. Nicht, weil er die Psychoanalayse gut darstellt. Die Frage, warum Norman Bates tötet, wird im Film nicht geklärt. Das reicht Hitchcock nach. Als die eigentliche Handlung schon vorbei ist und Bates mit Zwangsjacke in Haft sitzt, erklärt ein Psychiater den Polizisten das Motiv. Fünf Minuten als Dialog getarnter Monolog. Als Stilmittel von Hitchcock eigentlich verpönt.