Der Kommunismus im Film

Es ist ein Eiserner Vorhang in Europa niedergegangen. Mit diesen Worten beschrieb der britische Premierminister Winston Churchill das Verhältnis zwischen dem kapitalistischen und dem kommunistischen Block nach dem Krieg. Über die Verhältnisse in der UdSSR wusste der „Freie Westen“ nicht viel. Deswegen traute sich Hollywood auch kaum, die kommunistische Lebenswelt darzustellen.

Regisseur Billy Wilder weigerte sich stets strikt, einen Sandalenfilm aus der Römerzeit zu drehen. „Ich weiß nichts über die Lebensverhältnisse. Kam der Mann nach Hause und meinte: Schatz, zieh Dir was Hübsches an, ich hab Karten für den Zirkus Maximus besorgt?“, begründete Wilder seine Weigerung. In seinen besten Filmen wie „Das Appartement“ stellte er die Lebenswelten der Gegenwart ehrlicher da, als es in dem Mainstreamkino seiner Tage üblich war.

Dennoch wagte sich Wilder an das Leben in der UdSSR ran. Als Drehbuchautor schrieb er für Ernst Lubitsch an „Ninotschka“ mit. In einer Szene folgt Graf Leon Ninotschka in deren russische Heimat. Die Funktionärin lebt dort in einem Zimmer mit mehreren Fremden. Arm und das Indivuum wird unterdrückt – so die Botschaft des Films von 1939.

Ähnlich machte sich Wilder gut 20 Jahre später in seinem eigenen Film „Eins, Zwei, Drei“ über die DDR lustig. Die Figur des Otto Ludwig Piffl legt Wilder in den Mund, wie er sich den Osten vorstellt: Die Eltern sehen ihre Kinder nur, wenn diese an der Tribüne vorbei paradieren und rote Fahnen tragen.

Nicht realistisch aber treffend beschreibt Wilder die Korruption in einem totalitären System. So lassen sich die Grenzer am Brandenburger Tor mit Coca Cola bestechen und drei Kommissionäre mit einer attraktiven deutschen Sekretärin. In beiden Filmen ist es die Liebe, die selbst systemtreue Menschen dem Kommunismus den Rücken zu drehen lässt.

Ein Beispiel, wie sich Regisseure vor dem Alltag im Osten drückten, ist Alfred Hitchcock. In „Der Zerrissene Vorhang“ stellt er 1966 die DDR anhand von Szenen dar auf dem Land, im Stasi-Zentrum und an einer Universität. Richtig glaubwürdig gelingt dies Hitchcock nicht. Dafür ist er zu sehr der amerikanischen Lebenswelt verhaftet. So liegt ein Bauernhof fern vom Schuss und wird privat statt von einer Produktionsgenossenschaft betrieben und ein Überlandbus im Stil der amerikanischen Greyhounds muss Suspense liefern.

Treffsicher sind Hitchcock und andere auch nur in den Momenten, die der Westen aus eigener Erfahrung oder aus der Propaganda kannte: Unfreundliche Grenzer, omnipräsente Spione und gruselige Militärparaden. Ein wenig weiter wagten sich 1965 die Macher der Don-Camillo-Reihe im fünften und letzten Teil: Genosse Don Camillo.

Die kommunistische Partei der Po-Gemeinde verbrüdert sich mit einer Stadt am Don. Eine Delegation, in die sich auch der Pfarrer Don Camillo mogelt, fährt in die Ukraine, um die Verbrüderung mit Leben zu füllen. Einiges passt ins gewohnte Schema: Die italienische Delegation gerät in den Wechsel von Chruschtschow auf Breschnew, wird kaserniert und von Informationen abgeschnitten. Vor der Rückreise weiß der Geheimdienst sehr gut über das Treiben der Italiener am Don Bescheid.

Aber Regisseur Luigi Comencini zeigt mehr Liebe fürs Details. Sehr schön ist die missratene Verdi-Inszenierung, auch das Wettsaufen mit Wodka zeugt von Lokalkolorit. Doch am Ende ist auch in dem Film klar: Selbst die überzeugtesten Kommunisten brennen drauf, bloß wieder zurück in den Westen zu kommen.

In der Reagan-Ära, Mitte der 80er eskalierte der Kalte Krieg noch einmal – auch im Film. In Rocky IV (1985) ist der russische Boxer eine Kampfmaschine, die vom Geheimdienst gelenkt wird und im Ring tötet. Die Leitmotive fehlendes Individuum, allmächtiger, böser Staat und rückhaltloser Fanatismus sind alle wieder zusammen.Russland besteht hier aus einer einsamen Hütte in Sibirien. Als Trainingsmöglichkeiten findet Rocky nur Holzhacken und Laufen durch den Schnee. Edel-Trash.

Ebenfalls 1985 erscheint Gotcha. Der amerikanische Student Jonathan verliebt sich in Paris, folgt der Frau nach Ost-Berlin und wird dort in eine Agentenaffäre verwickelt. Schöner Gag: Als ihm die wilde Flucht in den Westen letztlich gelingt, steht er vor einer Filiale von McDonalds und meint: „Endlich daheim!“

Gelungene Werke über den Osten sind selten. Der TV-Film „Der Boss aus dem Westen“ aus dem Jahr 1988 ist eine solche Ausnahme. Ein Industrieller hat eine Autopanne in Ost-Berlin, wird von einer Kranführerin abgeschleppt und verliebt sich in sie. Kranführerin sein zu müssen, ist eine Disziplinierung des Staates. Eigentlich will die Frau studieren, ist aber durch systemkritische Äußerungen aufgefallen. Wegen des Kontakts mit dem Boss aus dem Westen untersagt ihr der Staat nun eine Reise nach Westdeutschland zu ihrer sterbenden Großmutter. Erst als der Boss nachhilft, darf sie fahren.

Das Ambiente des Ostens stimmt in dem Film: der Mehltau, der auf der späten DDR liegt, die herunter gekommenen Siedlungen, das Klau-und-Tausch-Prinzip, das eine freie Wirtschaft ersetzt und das verletzte, aber immer noch vorhandene Selbstbewusstsein der Menschen vor Ort nehmen Erfahrungen vorweg, die Besserwessis und Jammerossis zwei Jahre später im realen Leben miteinander zu machen hatten.