Er will doch nur geliebt werden

In der Literatur gibt es Figuren wie Lolita. Sie existieren längst ohne das Buch, in dem sie aufgetaucht sind. Dem Fernsehen ist dies mit JR Ewing gelungen. Der fiese Öl-Magnat aus der Serie Dallas hat kulturell ein Jahrzehnt eingeläutet.

Dallas ist aus der Sicht von Pamela erzählt. Sie ist das Mädchen aus einfachen Verhältnissen, das in die Welt der Reichen kommt. Aus Pamelas naiven Augen lernen wir Zuschauer diese Welt kennen. Und trotzdem ist nicht sie die Figur, die einem als Erstes einfällt, wenn der Name der Kultserie fällt. Es ist JR Ewing. Eindrucksvoll gespielt von Larry Hagman.

Hagman war der einzige aus dem Ensemble, der schon vor Dallas ein echter Star war. Mit Bezaubernde Jeannie hatte er in den 60er Jahren einen Serienerfolg. Barbara Bel Geddes (Miss Ellie) spielte vor Dallas in Vertigo die platonische Freundin der Hauptfigur, Victoria Principal (Pam) stellte in Erdbeben eine naive Schönheit dar.

Das Drehbuchteam zeichnete JR als skrupellos. Er ließ Privatdetektive Material aufspüren, das er dann wiederum gegen seine Feinde einsetzen konnte. Sogar auf die Staatsmacht konnte er bauen: In einem frühen Handlungsstrang will JR die Stimmrechte an Ewing Oil, über die Ray Krebs verfügt. Der Scherriff von Braddock schiebt Krebs im Auftrag von JR ein Verbrechen unter und verhaftet ihn. Erst hinter Gintern ist Ray bereit, seine Anteile seinem Halbbruder zu überlassen.

Ein realistischer Handlungsstrang. In vielen Teilen der USA werden die Polizeichefs von den Bürgern direkt gewählt. Im Wahlkampf sind sie auf die Fürsprache der regionalen Arbeitgeber angewiesen – und auf deren Geld. Solche Anspielungen auf die Wirklichkeit des amerikanischen Südens sind typisch für die Anfangsjahre von Dallas. Später verzichten die Macher aus kommerziellen Gründen darauf.

Skrupellos geht JR mit seinen Feinden um. Er ist erzkonservativ, männerbündlerisch und dabei gleichzeitig treulos. Mehr Gewinn scheint seine einzige Maxime. Das überträgt er auch auf Frauen. Wenn er sie hatte, werden sie reizlos für ihn. Für seine Gespielinnen heißt das weiterziehen. Seiner Ehefrau Sue Ellen, einer ehemaligen Schönheitskönigin, beschert dies ein depressives Leben, das sie in den Alkoholismus treibt.

Die Anfänge von Dallas liegen in den linksliberalen 70ern – die Ära Carter hofft auf einen demokratischen Neuanfang, nach der Niederlage Nachkriegsamerikas in Vietnam und den Skandalen der Nixon-Zeit. JR weist als Figur in die 80er Jahre, die Reagan-Ära, in der die Amerikaner wieder nationalstolz werden, den Kalten Krieg gewinnen wollen und in der Yuppies, glatte Ehrgeizlinge, zum Rollenmodell für Aufsteiger werden.

Doch JR hat auch eine schwache Stelle. Er ist angetrieben von der Sehnsucht, von seinem Vater geachtet und geliebt zu werden. Jock teilt zwar das engagierte Gewinnstreben seines Sohnes, steht aber auch für Werte wie Zuverlässigkeit und Loyalität. Dass er die Hand von JR nimmt und sein Vertrauen in Bobby setzt, treibt seinen ältesten Sohn an. Als Jock stirbt, scheint JR gebrochen. Er fängt sich, indem er mit seinem Sohn John Ross das Büro aufsucht und ihm verspricht, Ewing Oil für ihn aufzustellen.

In der ersten Staffel teilt seine Sekretärin JR mit, jemand habe ihn angerufen, um ihm ein Geschäft mit Erneuerbaren Energien vorzuschlagen. JR lehnt lachend ab. Später soll sein Darsteller Larry Hagman für Solarenergie werben. Die Zeiten ändern sich. JR bleibt eine Ikone – einer untergegangenen Zeit.