Raab schlägt Will

Über Stefans Raabs starken Auftritt sind sich am Tag nach dem Kanzlerduell nahezu alle einig. Für die Öffentlich-Rechtlichen bedeutet dies: Dort wo sie ein Alleinstellungsmerkmal haben sollten, haben sie ein Problem.

Ähnlich wie Harald Schmidt wurde Stefan Raab immer wieder vorgeworfen, sich nicht für seine Gesprächspartner zu interessieren und schlechte Interviews zu führen. Das stimmte. Oberflächlich betrachtet. Raab verliert gerne das Interesse an seinen Gesprächspartnern, wenn die zu keinem anderen Zweck in seine Sendung kommen, als auswendig gelernte Phrasen aufzusagen. Nervt ihn das allzu sehr, greift er zur Ukulele und singt.

Gut. Das wäre dem Kanzlerduell nicht angemessen gewesen. Aber Raab beherrscht auch andere Techniken, die potentiellen Regierungschefs durchaus zugemutet werden dürfen: Nach Konkretem fragen statt nach Abstraktem. Widersprüche offen thematisieren. Das Gegenüber aus der Wohlfühlzone herausholen.

Klar. Das funktioniert nur bedingt. Angela Merkel ist zu sehr Politprofi, um sich davon aus dem Konzept bringen zu lassen. Und Peer Steinbrück hat die Defizite, die er zu Beginn seines Wahlkamps im Bereich Schnauze-Halten hatte, aufgeholt. Sodass das Duell die übliche Politmelange wurde. Das Unentschieden, das die Printmedien der Rederei heute attestieren, passt in dieses Bild. Aber immerhin eines lässt sich über Raab sagen: Er hat es versucht.

Das unterscheidet Raab wohltuend von den Politroutiniers des Öffentlichen-Rechtlichen. Die reden nun seit Jahren alles tot, was in der Politik lebendig ist – und zeigten sich beim Kanzlerduell als Könner des Metiers, Debatten zum Ritual verkommen zu lassen.

 Es ist längst zum Klischee geworden, sich über Politiker zu beschweren, die sich von einem Phrasenhain zum anderen schwingen. Zeit, über Journalisten oder vielmehr über Journalisten-Darsteller zu sprechen, die den Politikern jeden anderen Weg abschneiden. So kamen die Kandidaten beim Duell durchaus ins Gespräch: Ein kampfeslustiger Herausforderer holte die Kanzlerin aus der schläfrigen Reserve. Sie debattierten. In Sachen Eurorettung zeigten sie den Zuschauern die Notwendigkeiten auf und erinnerten den anderen an die Verstrickungen, in denen dieser Staat und seine Politik verhaftet sind. Echter Erkenntnisgewinn.

„Halt. Dafür sind wir nicht hier“, schrie es aus der Journalisten-Darsteller-Seele von Anne Will. Ich stelle eine Routine-Frage wie: „Sind Sie für eine Große Koalition bereit?“ Will weiß, wie es laufen muss, das Ritual: „Fragend biete ich den Zuschauern meine besteingeübte kritische Miene. Daran ergötzen sich diese während der Politikerattitüde, die nach 90 Sekunden vorschriftmäßig von mir für meine nächste kritische Miene unterbrochen wird. So geht das. So steht das im ÖR-Lehrbuch: Wer uns guckt, ist zu doof, sich mehr als 90 Sekunden zu konzentrieren. Deswegen wird nach 90 Sekunden unterbrochen. Immer. Auch wenn der Papst sich gerade dazu bekennt, schwul zu sein. Spannendes laufen lassen? Experimente? Von der Norm abweichen? Ich habe keine Karriere gemacht, weil ich Profil oder gar Ecken und Kanten hätte.“

Jetzt ließe sich das ja alle vier Jahre im Kanzlerduell aushalten. Aber genau mit dieser Gleichmacherei zerreden die Öffentlich-Rechtlichen fünf Tag die Woche, was sich an Themen anbietet von „Ist dieses Land ungerecht“ bis „Wann kommt Sarrazins neues Buch“. Gerade Anne Will kriegt es zum Beispiel fertig, Gregor Gysi vorzuwerfen, das Programm der Linken habe keine Tiefe, ihm dann Zeit zu geben, diese Tiefe vorzustellen: und zwar 90 Sekunden. Und das ohne einen Hauch von Ironie.

Wer das für eine Zuspitzung hält – genau so wirbt das ZDF für die Talk-Show von Maybritt Illner: Überbrückungspausen, in denen Politiker nur „Ähhh“ sagen. Und im Slogan heißt es, es gebe zwar nicht immer eine Antwort, aber Illner habe auf alles eine Frage. Nur die Journalisten-Darsteller-Moderation zählt. Rituale. Zirkus.

Es stimmt. Der Politikbetrieb hat viele Probleme, sich Akzeptanz zu verschaffen. Die allermeisten sind hausgemacht. Aber eines davon ist auch die Art, wie sie dargestellt wird.