Jedem Narr soi Kapp

Die Mainzer Fastnacht strebt an, Weltkulturerbe zu werden. Und natürlich ist sie das. Nur auf die Unesco-Liste sollten die Verantwortlichen sie nicht bringen. Das würde die Fastnacht um ihre größte Stärke bringen.

Das Feiern des Fleisches, der Karneval ist in Mainz uralt: Umtrünke, Umzüge gab es bereits in Zeiten, in denen dies lediglich kaum belegt ist. Denn Saufen und Sich-Gegenseitig-Erkennen taugen nur bedingt für die Verschriftlichung. Vor gut 200 Jahren wurde das Treiben in Mainz dann institutionalisiert. Saufgelage, Schlägereien, Vergewaltigungen und Obszönitäten hatten zu sehr Oberhand gewonnen. Der Name Fastnacht verweist denn auch auf die andere Seite der Medaille: dem Feiern des Fleisches folgt der Verzicht auf das Fleisch.

Das heutige Image der Mainzer Fastnacht wurde und wird von den Übertragungen der TV-Sendung „Mainz bleibt Mainz“ geprägt. Urige Stimmungssänger wie Ernst Neger oder Margit Sponheimer, die heute zwischen antiquiert und kultig im Ansehen pendeln. Und politische Redner, die manchmal lustig sind, mitunter aber auch des obligatorischen Tuschs benötigen, um zu signalisieren, dass das lustig sein soll. Das Gesamtwerk gilt tendenziell als eher miefig, die Quoten sind im Abwärtstrend.

Die eigentliche kulturelle Leistung, die in der Fastnacht steckt, wird außerhalb Rheinhessens nur ungebührend erkannt. Über 50 Vereine veranstalten in Mainz  und seinen Nachbargemeinden öffentliche Sitzungen, dazu kommen noch viele betriebs- oder vereinsinterne. Reden werden geschrieben, Lieder einstudiert, Kostüme genäht, Choreographien gezeigt, Mottos gewählt, Hallen geschmückt… Doch. Dieses Gesamtwerk hat es auf jeden Fall verdient, als Kulturerbe bezeichnet zu werden – auch weltweit.

Nur: Was würde es der Fastnacht bringen, auf der Unesco-Liste aufzutauchen, die mittlerweile eh in Richtung Beliebigkeit abdriftet? Gäbe es einen Zuschauer mehr am Rosenmontagszug? Sicher, die Lokalgrößen könnten sich vor Stolz auf die Brust schlagen. Aber das tun sie auch schon, wenn aus einem Bauwagen heraus Würstchen verkauft werden und sich das dann Kultur nennt. Muss man die Welt mit der Eitelkeit dieser Menschen belästigen?

Die Hüter des Weltkulturerbes neigen zur Konservierung der Leistungen, die auf ihrer Liste stehen. Die Mainzer Fastnacht würde das um ihre große Stärke bringen: die Anpassungsfähigkeit. Es hat das vierfarbbunte Treiben stark gemacht, sich an die Anforderungen der jeweiligen Zeit anpassen zu können.

Und was gäbe das für ätzende, kleinkarierte Diskussionen: Darf ein Fastnachtssong rockig sein oder verstößt das gegen die Tradition von Ernst Neger? Ja, hier, ich Gelehrter möchte hierzu was sagen: In der Rockmusik gibt es viele Übereinstimmungen mit Negers Harmonien, das können wir zulassen. Techno-Fastnacht muss aber verboten werden, sonst verlieren wir unseren Weltkulturerbe-Status. Und Crossover zwischen Techno und Rock? Müssen wir im Einzelfall entscheiden. Bitte nicht!

Diskussionen über die Fastnacht sind nie gut. Selbst die gut gemeinte über den Uniform-Fetischismus. Ja, gemeint waren die Fastnachtsuniformen als Parodie der Obrigkeit und klar, heute dienen sie der Ego-Befriedigung von Kleingeistern, natürlich. Andererseits: Vom frühen 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gab es einen Bedarf an Parodie und den hat die Fastnacht geliefert. Zwei Weltkriege später haben die Menschen militaristische Uniformen kritischer gesehen und sie verschwanden mehr und mehr aus dem Stadtbild. Jetzt gab es halt einen Bedarf, sich trotzdem mal in Schaftstiefel und Pumphose werfen zu dürfen. Beides hat die Fastnacht bedient. Ist doch nett von ihr.

Heute klagen viele Gralshüter über die Kommerzialisierung der Fastnacht. Immer weniger habe sie mit der politischen Fastnacht zu tun, immer mehr mit auf die Straße gehen und feiern. Das mag stimmen. Aber die Argumentation hinkt. Die Fastnacht nimmt sich das Recht, sich weiterzuentwickeln, hin und zurück zum Karneval von vor 18-Hundert-Dingenskirchen. Bei allem gegebenen Respekt vor Ernst Neger oder Rolf Braun – aber da kommt sie halt auch her.

Dass es früher anders war, ist nie ein Argument. Was jetzt besser ist? Da kann es nur eine Antwort geben: Jedem Narr soi Kapp.