Tschüss Mainstream

„Rio schaut fern“ heißt die oberste Rubrik dieser Homepage. Doch in letzter Zeit merke ich: Das tue ich nicht mehr. Fernsehen ist einfach langweilig geworden.

Nur noch wenige Tage bis zur Bundestagswahl und ich habe gerade mal drei Spots der Parteien gesehen.  Es gab Zeiten, da kannte ich wenigstens die Werbung der Großen nach wenigen Wochen  auswendig und habe keine der Kleinen verpasst. Dieses Mal habe ich einen von den drei überhaupt nur gesehen, weil ich zu Besuch war und nebenher der Fernseher lief. Zu Hause schaue ich fast nichts mehr.

Vor dem Apparat sitze ich schon noch. Doch meine Gewohnheiten sind monoton geworden: DVD, Fußball auf Sky, Big Bang Theory auf TNT sowie Pro Sieben und ab und an mal eine historische Doku auf Phoenix oder Spiegel-TV-Geschichte – weil ich bei dem monotonen Offtext so gut einschlafen kann. Das allermeiste ist also Spartenfernsehen. Vom Mainstream habe ich mich verabschiedet.

Dabei bin ich keine von den protestantischen Trockenpflaumen, die behaupten, sie würden nur Arte akzeptieren oder ab und an Phoenix – das im Brustton, der gleichermaßen Abscheu und Überlegenheit ausdrücken will. Ne, echt nicht. Das Dschungelcamp gehört nach wie vor zu meinen Lieblingssendungen, selbst noch nach dem Tod von Dirk Bach.

Ich bin sogar ein Junkie. Früher bin ich jeden Donnerstag abends zum Hauptbahnhof gelaufen – weil dort die TV Spielfilm einen Tag früher verkauft wurde. Noch im Kiosk habe ich auf das Sonntagprogramm geblättert, um zu sehen, wie es mit der Lindenstraße weitergeht. Obwohl ich die seit Jahren nicht mehr regelmäßig verfolge.

Sie interessiert mich nicht mehr. Genau so wenig wie mich das andere Programm interessiert. Es ist austauchbar geworden. Wer genau hinschaut, erkennt leicht die Muster, die den Machern beigebracht werden und die sie in stupidem Gehorsam erfüllen. Frei jeder Versuchung, diese Schemen durchbrechen zu wollen.

Schalte ich tagsüber auf RTL, SAT1, Kabel eins und so weiter, dann prollt jemand die immer gleichen, gescripteten, ausufernden Ausführungen in die Kameras. Oder jemand renoviert sein Haus, seinen Garten oder sein Auto. Warum sollte ich mir da merken, wie die (nicht) unterschiedlichen Formate heißen? Das gilt auch für die Abendshows der Sender, die alle gleich aussehen: Spiele, die Hans Rosenthal bereits für Dalli Dalli als einfallslos abgelehnt hat. Ausgeübt von Promis aus der Konsonantenklasse. Und ein Publikum, das jede noch so kleine Bewegung so frenetisch feiert, dass man sich Sorgen über die Notdrogenbestände der Bundesregierung machen muss.

Aber die Öffentlich-Rechtlichen… Nö. Nicht besser. Da sieht das Konzept zwar ein wenig anders aus: Fragen und Wissensspiele, teurere Promis und dezenteres Publikum. Jedoch an Langeweile und Vorhersehbarkeit gibt sich das nicht viel. Außerdem übernehmen sie nach einer Schamfrist die Formate der Privaten. In wenigen Jahren gibt es also auch in der ARD einfallslose Spiele und ausrastendes Publikum.

Ich verabschiede mich davon. Im Mainstream bin ich nicht mehr zuhause. Ironie-Alarm: Das geht immer mehr Leuten so. Deswegen schmelzen im frei empfänglichen TV auch die Zuschauerzahlen. Mutmaßlich versammeln sie sich im Netz. Wenn das dann mal der Mainstream ist – und zwar in allen Alterskohorten, liebe Piraten, es gibt auch ein Leben über 30 – dann wird die Rubrik vielleicht umbenannt in „Rio schaut Netz“. Aber ob ich das will?